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Dreißig Jahre Philosophische Praxis

Gewonnene Erfahrungen, befestigte Grundsätze, aufgetane Wege


Gerd B. Achenbach
„Freitagvortrag” am 13. Mai 2011 in Bergisch Gladbach

Nach dreißig Jahren könnte ich in Versuchung geraten, melancholisch zu werden ‒ nicht etwa, weil diese drei Jahrzehnte nicht erfolgreich gewesen wären, im Gegenteil, es waren schöne, ereignisreiche, an- und ausgefüllte Jahre, Jahre des Lernens und Erfahrungen Sammelns, nicht zuletzt waren es Jahre einer kaum mehr überschaubaren Fülle bereichernder Begegnungen mit Menschen ‒, nein, nicht deshalb könnte ich versucht sein, schwermütig zu werden, sondern: Der Blick zurück, zumal auf einen solch ausgedehnten Zeitabschnitt, der ja, gemessen an der Kürze des Lebens, fast schon „eine Epoche” zu heißen verdiente..., solch ein Blick zurück überhaupt, gepaart mit der Bereitschaft nachzudenken, befördert melancholische Anwandlungen.
Schon dies übrigens eine Erfahrung ‒ eine erste, die ich nennen möchte ‒, die ich nicht allein mit mir für mich zu machen Gelegenheit hatte, sondern die ich bei Gästen in der Beratung bemerken konnte: Der bilanzierende Blick zurück, die Vergegenwärtigung des Vergangenen, kann selbst dann ‒ ja, vielleicht sogar gerade dann! ‒ melancholisch stimmen, wenn die zurückgelegten und damit auch zurückgelassenen, ins weite Reich des Vergangenen entlassenen Jahre schöne Jahre waren, gute Jahre. Und dann konnte ich bemerken, daß solcher Melancholie vor allem eines entgegenwirkt, eine Haltung oder seelische Bereitschaft, eine erworbene Verfassung des Gemüts: und das ist Dankbarkeit. Der nachdenkliche Blick zurück, den man auch gedenken nennt, solches „Denken an” vergangene Tage, ist gefeit davor, das Vergangene als das Verlorene und Abgelebte zu betrauern, sobald wir dem, was war, in Dankbarkeit verbunden sind. Denn in der Tat: Dankbarkeit stiftet Verbundenheit. Und dies ist das sonderbare Rätsel: Im dankbaren Erinnern bleibt uns das, was uns die Zeit entrissen hat, zugleich doch nah, es bleibt uns, weil wir ihm im Dank verbunden bleiben.
Aber damit habe ich mich verleiten lassen (in Wahrheit natürlich: mich selbst verleitet), schon vorauszuspringen in jenen ersten angekündigten Teil, der „gewonnene Erfahrungen” zur Sprache bringen soll.
Denn eigentlich habe ich mit diesem hoffentlich unerwarteten Einstieg, mit dem Anstimmen eines melancholischen Grundtons zunächst, etwas ganz anderes vorbereiten wollen, nämlich eine heitere Stimmung ‒ die so oft der melancholischen verwandt ist, sich ihr sogar womöglich verdankt, oder, sagen wir es so: Melancholie ist nicht selten der Nährboden der Heiterkeit. Auch des Humors im übrigen, solange Humor nicht mit Blödelei und Albernheit verwechselt wird.
Ich weiß nicht, ob es jemandem bereits gelungen ist ‒ und wenn ja, wem ‒ diesen inneren Zusammenhang zur vollständigen Zufriedenheit zu entziffern und uns verständlich zu machen, ich meine: diese tiefe Verbundenheit eines Blicks, der sich nicht mehr mit Illusionen zu trösten nötig hat, und der nicht mehr zu enttäuschen ist, weil er sich nichts mehr vormacht, und jener Heiterkeit des Gemüts, die sich einstellt, sobald wir lernen, selbst Widriges mit in den Kauf zu nehmen, indem wir uns zum Beispiel sagen: die Welt war, wie sie ist, schon da, bevor wir unsern Auftritt darin hatten, als Gast gewissermaßen, und so sollten wir die Welt nicht dafür haftbar machen, daß sie ‒ in dieser oder jener Hinsicht ‒ nicht so ist, wie wir sie gern hätten. Um mich eines anderen Vokabulars zu bedienen: Heiterkeit stellt sich ein, sobald es uns gelungen ist, vom Wunschprinzip aufs Realitätsprinzip umzuschalten, was, wie Freud sich im Tonfall so unnachahmlicher Sachlichkeit ausdrückte, im günstigen Fall als das Erziehungswerk des Lebenslaufs und der in aller Regel darin enthaltenen „Lebensnot” sich einstellt.1)
Ganz im Sinne solcher Heiterkeit, die uns durch die Revision mitgeschleppter Wünsche oder Illusionen zuwächst, hatte ich mit einem der so wunderbar lakonischen Notizen Lichtenbergs beginnen wollen, mit der nun noch einzuleiten zwar zu spät ist, doch als Anlaß, nachdenklich zu werden, kann uns der Aphorismus immer noch willkommen sein. Ich zitiere also, was ich drauf und dran war, meinem kleinen Rechenschaftsbericht als ausgeborgten Kopfputz mitzugeben. Hier, wie angekündigt, Lichtenberg:
„Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt ihn aus der Taufe, der dritte zeugt Kinder mit ihm, der vierte besucht ihn am Sterbebette, und der fünfte begräbt ihn.” 2)
Sehen Sie, das ist doch tröstlich. So sind auf diese immer wiederkehrende Weise gleich viele mit einer Idee beschäftigt, und jeder tut das seine ... Wobei ich nicht verhehlen möchte, daß ich ‒ indem ich diesen so beispielhaft ruhig hingesprochenen Satz unwillkürlich auf die Geschichte jenes Gedankens beziehen muß, den ich selbst einst gezeugt habe, und bei seiner Taufe war ich immerhin auch noch dabei, na ja: und daß der Begriff Philosophischer Praxis sich mit anderen zusammentat und so gewissermaßen Kinder zeugte, auch das kam gewiß nicht ganz ohne mein Zutun zustande ‒ zurück: Ich will nicht verhehlen, daß ich mit zunehmendem Alter geduldiger wurde und deshalb auch gut und gern noch auf jenen vierten zu warten bereit bin, der sich womöglich einmal am Sterbebette der Philosophischen Praxis einstellt ‒ und an ein Begräbnis mag ich schon überhaupt nicht denken, noch nicht jedenfalls, zumal jetzt und heute nicht, da wir uns dankbar der Zeugung und Geburt des Gedankens erinnern.
Aber dennoch: Ich bemühe mich einmal für den Augenblick, alle persönliche Betroffenheit einzuklammern und damit mundtot zu machen ‒ dann bin ich bereit, den Satz des Lichtenberg für eine große, zustimmungsfähige Idee oder, bescheidener, Beobachtung zu halten. Denn sie sagt: Auch Ideen, auch Gedanken, so wie einst die Götter, sind sterblich. Sie steigen auf, wenn ihnen dies beschieden ist, sie setzen sich durch und behaupten sich, dann geraten sie ins Gemenge, und irgendwann ‒ das ist großartig gesehen und gedacht von Lichtenberg ‒ behaupten sie sich nicht mehr aus eigener Kraft, sondern wenn es gut ging, haben sie sich mit anderen Gedanken assoziiert, waren sie der Anstoß zu anderen, neuen Gedanken, und dann wirkt der Ursprungsgedanke ‒ ich denke bei allem hier stets an die Philosophische Praxis ‒ nur noch untergründig, womöglich inkognito, weiter, als Ferment vielleicht, das treibt und Unruhe stiftet.
Aber, verstehen Sie, was das alles heißt? Wie Hegel begriff ist alles in das Medium der Geschichte getaucht, kommt und geht und bleibt nicht, es sei denn, wie es im biblischen Wort heißt, es gehe unter wie das Samenkorn, das untergehen muß, damit es Frucht treibe.
Nun hoffe ich, es ist Ihnen ‒ es ist Euch ‒ der Ton nicht inzwischen allzu feierlich, obwohl eine gewisse Feierlichkeit ja durchaus angemessen sein dürfte, wenn es heute um die Feier eines nunmehr dreißigjährigen Wachsens, Behauptens und sich Verbreitens einer Idee geht, die hier in Bergisch Gladbach „ins Leben gerufen” wurde.
Übrigens: Auch diese ja durchaus gebräuchliche Wendung „ins Leben gerufen” ist feierlicher Ton, erinnert an die Schöpfungsgeschichte, und die bedeutendste Tat dort am Anfang und am Beginn von allem war womöglich, daß ein Wesen auf den Plan gerufen wurde, das nicht einfach in dieser Welt als Schöpfung lebt, das also nicht nur „Geschöpf” ist und sich entsprechend beträgt, sich in der Welt einrichtet und sich darin behauptet, sondern das seinerseits schöpferisch wird, was man auch so übersetzen kann: das Geist hat, Geist ist. Was das aber heißt, Geist zu haben, Geist zu sein, hat frühzeitig einer der herausragendsten aller Philosophen, hat Nikolaus von Kues begriffen; es heißt: Der Mensch sei nicht nur ‒ wie heute vielstimmig eingeschärft wird ‒ für die Welt verantwortlich, er habe nicht nur zu bewahren, sondern sei berufen, die Schöpfung in rechtem Geist fortzusetzen, indem er beispielsweise Institutionen schafft, Rechtsordnungen, Kunstwerke oder eben: er ruft ‒ ein Akt erstaunlicher Selbstmächtigkeit ... ‒ die Philosophische Praxis „ins Leben”, etwas, was es bis dahin nicht gab, und das nun eine Wirklichkeit ist, wenngleich erfunden, gegründet, zunächst eine reine, bloße Idee, eine Vorstellung, nicht mehr. Daß dieser Gedanke aber wirklich eine Wirklichkeit wurde, das läßt sich ‒ da bin ich wieder bei dem Satz Lichtenbergs ‒ verläßlich daran erkennen, daß sich diese neue Wirklichkeit aus der Abhängigkeit von seinem „Erzeuger” oder Hervordenker befreit und nach und nach verselbständigt, ein eigenes Leben zu führen beginnt und dabei auch eigene Wege geht, nebenbei bemerkt nicht immer nur solche, die in meinem Sinne wären.
Doch das gehört zu Erfahrungen dazu, von denen wir mit Recht im Rückblick sagen, daß wir sie wohl machen mußten. Erfahrungen nämlich, schlug Arnold Gehlen zu ihrem Verständnis vor, seien verarbeitete Erwartungsenttäuschungen.
Und so komme ich auch an das mir selbst gestellte Thema heran ‒ erster Teil: von den „gewonnenen Erfahrungen” ‒, indem ich mich nämlich frage: Was ergab sich im Verlaufe der zurückliegenden drei Jahrzehnte anders, als ich es wohl erwartet hatte? Womit hatte ich nicht „gerechnet”, wie man sagt, was vor allem hat mich überrascht?
Nun, ich denke nichts so sehr wie dies: Ich habe sehr bald, durch die Erfahrungen in den Beratungen, erkennen müssen und zu würdigen gelernt, daß die Menschen bei weitem eigenartiger sind, eigensinniger ‒ das Wort ist leider etwas verludert, dennoch: daß sie individueller sind, als ich mir dies zuvor hatte vorstellen können und darum erwartet hatte.
Ich denke inzwischen, niemand hat einen andern verstanden, sofern er nicht die Augen hat, zu sehen, daß dieser andere einzigartig ist. Diese Erfahrung aber ist mir mittlerweile zu einem Grundsatz geworden, den ich so formulieren kann: Bin ich eingangs einmal versucht, die vielen zweifellos auch vorhandenen Seiten an einem Menschen, die er mit anderen teilt, die ihn als „Zeitgenossen” kenntlich machen, die ihn erscheinen lassen wie andere auch ‒ bin ich einmal versucht, diese Seiten an ihm allzu deutlich wahrzunehmen, dann weiß ich: daß ich dabei bin, mich zu irren, daß ich mich blenden lasse, von dem, worauf es eben nicht ankommt, daß ich also aufmerksam zu sein habe auf das, was mir bisher entging. Typisierung ist der Bankrott der Menschenkenntnis. Der Typus gehört in die Komödie. Was typisch ist, ist lächerlich.
Es ist im übrigen diese Erfahrung, die mich immer wieder erneut in dem Grundsatz bestärkt, skeptisch gegenüber allen Theorien zu sein, insofern sie nämlich Individuelles schematisieren ‒ und das tun sie alle, Theorien können sozusagen nicht anders. Womit der rechte Augenblick gekommen ist, eine Sentenz anzuführen, die ich der Philosophischen Praxis als eines ihrer Motti vorangestellt habe. Sie ist von Goethe:
„Theorien sind gewöhnlich Übereilungen eines ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene gern los sein möchte und an ihrer Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt.” 3)
Da ich gern die Gedanken anderer einlade, im jeweiligen Zusammenhang auf ihre Weise mitzureden, möchte ich gleich noch zwei weitere Sentenzen dem Diktum Goethes zur Seite stellen. Die erste, ein Aphorismus, ist aus der Feder des französischen Moralisten La Rochefoucauld und lautet:
„Es ist leichter, die Menschen, als einen einzigen Menschen kennenzulernen.” 4)
Ihn, La Rochefoucauld, habe ich besonders gern angeführt, weil ich damit einen Hinweis verbinden kann: Am kommenden Freitag werden die Französischen Moralisten Thema sein.
Doch ich hatte zwei Worte angekündigt. Und darum hier das andere, ein sonderbar schlichtes, nahezu einfältig frommes Wort, übrigens des geistigen Mentors der Simone Weil, Gustave Thibon:
„Man behandelt nicht auf universelle Art, was Gott grundverschieden haben wollte.” 5)
Der Satz wäre es wert, in den unverrückbaren Bestand gültiger Maximen aufgenommen zu werden. Auf jeden Fall aber gehört er zu den Überzeugungen Philosophischer Praxis und gilt mir als „befestigter Grundsatz”.
Doch lassen Sie mich noch einmal zu jener Erinnerung an Erfahrungen zurückkehren, die ich als Erwartungskorrektur beschreiben könnte. Dazu gehört gewiß die Überraschung, die mir die Horoskope unseres Freundes Adrian Wellmann bereiteten ... (Etwas dazu erzählen: Exempel ...)
Später wurde immer deutlicher: Über Jahrhunderte hin war dieser Gedanke der Philosophie vertraut, der Stoa soundso, und noch der Cusaner, von dem bereits die Rede war, hatte ‒ im 15. Jahrhundert ‒ das Angebot bekommen, in Löwen einen Lehrstuhl für Astrologie anzunehmen. Aber da war er bereits als Bischof beschäftigt genug.
Doch auch anderes hat diese Erfahrung mir eröffnet, nämlich daß Texte zur Kenntnis genommen wurden, die ich andernfalls wohl mit einem Lächeln übergangen hätte. So etwa Schopenhauers „Transzendente Spekulation über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksal des Einzelnen”, ein grandioser, geheimnisvoller Text, dem Schopenhauer als Motto einen nicht weniger geheimnisvollen Satz Plotins vorangestellt hat, übersetzt:
„Den Zufall gibt es nicht im Leben, sondern nur Harmonie und Ordnung.” 6)
Nun weiß ich selbstverständlich, daß ich mit solchen Andeutungen und halben Bekenntnissen bei vielen von Ihnen Unverständnis, wenn nicht ein bloßes Kopfschütteln ernte. Doch sei’s drum ‒ ich will Ihnen sagen, in welcher Weise selbst dann solche Erfahrungen dem Umgang mit Menschen dienlich sind, wenn wir ‒ aller Esoterik abhold ‒ gestehen müssen, nicht zu wissen, wie solche Horoskope von eindringlichster Genauigkeit möglich sind. Die einfache Annahme, daß dies möglich ist, wozu mich die Erfahrung nötigt, reicht, um den oft sonderbaren Wegen, die Menschen einschlagen, ihren Eigenarten und Besonderheiten mit Respekt zu begegnen, sie zunächst einmal, so wie sie sind, so wie sie wurden, zu respektieren, sie anzuerkennen, sie gelten zu lassen. Mit andern Worten: Das erste und fast schon das eine, auf das alles ankommt ‒ was deshalb eigentlich die Philosophische Praxis ausmacht ‒ ist, die Menschen, die zu uns kommen, zu verstehen, und soviel wir sie verstehen, sie über sich selbst aufzuklären.
Sehen wir uns dies in einem besonderen Fall an. Der Mensch, der zu uns in die Beratung kommt, ist bedrückt. Dann ist es der Auftrag des philosophischen Praktikers allem voran, zu verstehen, was diesen einen Menschen drückt. Und das heißt auch: zu verstehen, warum es so sehr drückt, wie es drückt. Und dann wird er zu verstehen suchen, inwiefern das Problem ein wirkliches Problem ist – was bedeutet: er wird es keinesfalls „unter Gewicht” veranschlagen. Womöglich wird er es eher noch „dramatisieren” als „herunterspielen”, denn erst so trifft man – häufig jedenfalls – auf den „Nerv” des Problems, von dem her eine Sache wirklich verständlich wird.
Dahinter steht eine Haltung, die ein problembeladener Mensch in aller Regel zu schätzen weiß und für hilfreich hält: Daß einem Menschen das Leben schwer wird, spricht entschieden nicht gegen ihn. Vielmehr umgekehrt: Eher sind es die Virtuosen des Leichtnehmens, die uns wider die Natur gehen.
Das ist die Gelegenheit, wieder einmal einen Gedanken eines anderen dazu zu laden, ein weises Resümee, seinerseits lebenslanger Erfahrung abgewonnen, eine Notiz des Theologen Helmuth Thielicke.
„Gefährdungen des Menschen sind ausnahmslos [ich würde vorsichtiger sagen: häufig] die Kehrseite seiner Größe und seines Ranges. Seine Größe und sein Elend gehören zusammen. [...] Die Formen des Scheiterns, der Existenzverfehlung, entstammen demnach nicht dem Bereich des Inferioren, den animalischen Kellergewölben sozusagen, wo die Wölfe heulen (Nietzsche), sondern sie ereignen sich in der ›bel-étage‹ der Personalität, dort also, wo der Mensch seine Freiheit mißbraucht und das Privileg seiner Bestimmung verschleudert.” 7)
Ich muß, wann immer ich diese Passage wieder einmal lese, an die Replik Sigmund Freuds auf die Festrede Ludwig Binswangers zu Freuds 80. Geburtstag 1936 denken. Damals hatte der Meister es vermieden, sich diese Rede seines so unbekehrbar der Philosophie ergebenen Freundes leibhaftig anzuhören ‒ er war der Feierstunde ferngeblieben, da er sich, wie er verlauten ließ, nicht recht gesund fühlte ‒, doch dann hatte er die Rede immerhin gelesen, in der Binswanger auf die denkbar seriöseste und vornehmste Weise auch die Grenze des psychoanalytischen Denkens angesprochen hatte. Nun Freud, seinerseits in einem Brief an Binswanger, dazu:
„Ich habe mich immer nur im Parterre und Souterrain de Gebäudes aufgehalten. ‒ Sie behaupten, wenn man den Gesichtspunkt wechselt, sieht man auch ein oberes Stockwerk, in dem so distinguierte Gäste wie Religion, Kunst u. a. hausen. Sie sind nicht der Einzige darin, die meisten Kulturexemplare des homo natura denken so. Sie sind darin konservativ, ich revolutionär. Hätte ich noch ein Arbeitsleben vor mir, so getraute ich mich auch jenen Hochgeborenen eine Wohnstatt in meinem niedrigen Häuschen anzuweisen. Für die Religion habe ich es schon gefunden, seitdem ich auf die Kategorie ›Menschheitsneurose‹ gestoßen bin. Aber wahrscheinlich reden wir doch aneinander vorbei und unser Zwist wird erst nach Jahrhunderten zum Ausgleich kommen.” 8)
Ich habe heute zu diesem Konflikt ‒ oder Zwist, wie Freud sagt ‒ nichts zu entscheiden. Wohl aber darf ich den Kommentar anfügen, daß sich die Philosophische Praxis entschieden ‒ soviel sie von Freud zu lernen wußte ‒ in der Nachfolge Ludwig Binswangers und seiner „Daseinsanalyse” sieht.
Und dies u. a. in dem Sinn, daß mir immer häufiger die Konflikte, in denen sich Menschen verstricken, tragisch anmuten, was bedeutet, daß ich sie als tragische Konflikte zu verstehen und zu würdigen suche. Es sind dies allerdings Konflikte, die nicht einer Kollision der unteren Kräfte, also der Keller- und Souterrain-Mächte entspringen, sondern in diese Konflikte verstricken sich in der Tat die „Hochgeborenen” im oberen Stockwerk oder der „Bel-étage der Persönlichkeit”, womit gemeint ist: Es sind Kollisionen des Geistes, der Auffassungen, Urteile, der Selbstbilder und Annahmen über den Sinn und Gang dieser Welt. Es sind nicht zuletzt weltanschauliche Kontroversen im weitesten Sinn, wobei zu ergänzen ist, daß „Weltanschauungen” nichts harmloses oder bloß „theoretisches” sind, denn: Je nachdem, wie ich die Welt anschaue, die Welt verstehe, je nachdem werde ich auch handeln.
Für die Beratung aber heißt das: Was Menschen ‒ so wie Thielicke es sagte ‒ in Konflikte verstrickt und ihnen in manchen Fällen das Leben erschwert, es womöglich unerträglich macht, sind nicht selten ihre besten Seiten, ihre entschiedensten, berechtigtesten Überzeugungen, ja ihre eigentlichen moralischen Qualitäten, die nicht der therapeutischen Mäßigung bedürfen ‒ eines faulen Lebensbilanz-Friedens wegen ‒ sondern der Stärkung womöglich selbst dann, wenn sich dieses Leben in Tragik verwickelt.
Das ist ein guter Moment, noch einmal Georg Christoph Lichtenberg zu zitieren, von dem ich mir schon zu Beginn das Motto hatte ausleihen wollen. Ich zitiere ihn sonst viel zu wenig, und verdanke ihm doch so viel. Lichtenberg hat die Philosophische Praxis einen ihrer Grundsätze zu verdanken, von denen ich meine, die Erfahrung des dreißigjährigen Engagements in der Beratung habe sie befestigt, so daß sie nun noch solider und unerschütterlicher gelten, als je zuvor.
Lichtenberg selber nennt, was ich als Grundsatz von ihm anführen möchte, eine „goldene Regel”. Und die lautet so:
„Eine goldene Regel: Man muß die Menschen nicht nach ihren Meinungen beurteilen, sondern nach dem, was diese Meinungen aus ihnen machen.” 9)
Womöglich muß man zweimal hinhören, damit die erste Pointe dieser klugen Empfehlung nicht entgeht. Die aber ist: Daß die Meinungen, die Menschen hegen, etwas „aus ihnen machen”. Und das ist wahr. Wobei das im Umkehrschluß heißt: Gewinnen wir einen Menschen ‒ etwa auf dem Wege der Einsicht, durch den Erwerb einer anderen, sagen wir: differenzierteren Sicht der Dinge, dadurch, daß er das Leben vielfältiger, bunter, vielleicht aus verschiedenen, einander ergänzenden Perspektiven ansehen lernt ‒, gewinnen wir einen Menschen auf solchem Wege, seine Meinungen und Ansichten zu revidieren, zu verfeinern, zu sensibilisieren, ihren Umkreis zu erweitern, ihren Blick in weitere Horizonte hinaus zu schärfen, verändern wir ihn zugleich und fördern wir so seine Vorzüge, und das heißt: seine besten Tugenden, die je im Ansehen standen: Nachdenklichkeit, Besonnenheit, Umsicht, die Fähigkeit und Bereitschaft, klug abzuwägen, die Entschlossenheit, für das als richtig Erkannte einzustehen und tapfer bei dem zu bleiben, was er letztlich für gut erachtet. Daß er dem die Treue bewahrt, worauf es ‒ seiner gewissenhaftesten Erwägung nach ‒ letzten Endes und alles in allem ankommt, dem, was er wirklich, wirklich will.
Im besten Falle aber ist dies das, was er begreift als: Es will von mir gewollt werden. Das ist mehr, als nur zu wollen. Das heißt: Erfüllen, was mir zugedacht ist.
Doch mit solchen Erwägungen lasse ich mich wohl bereits zu weit hinaus ins Unwegsame treiben. Und das will ich lieber lassen. Für diesmal wenigstens ...


________

1) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Studienausgabe Bd. I, S. 362: „Wie Sie wissen, wird das Ich des Menschen durch die Einwirkung der äußeren Not langsam zur Schätzung der Realität und zur Befolgung des Realitätsprinzips erzogen und muß dabei auf verschiedene Objekte und Ziele seines Luststrebens ... vorübergehend oder dauernd verzichten.”

2)Werke in einem Band, S. 73.

3) Maximen und Reflexionen, Nr. 548, Hamb. Ausgabe Bd. 12, S. 440.

4) Die Franz. Moralisten Bd. I, La Rochefoucauld, S. 83.

5) Gustav Thibon, „Nietzsche und Johannes vom Kreuz”, Paderborn 1957, S. 44.

6) Enneades IV, L. 4, c. 35.

7) Thielicke, Die Religion in der heutigen Gesellschaft, S. 818.

8) Erinnerungen an Sigmund Freud, Bern 1956, S. 115. Die Festrede ist abgedruckt in: Binswanger, Ausgewählte Vorträge und Aufsätze, Bd. I, Bern 1947.

9) Lichtenberg, Schriften und Briefe Bd. I, München 1968, S. 789 (Fragment 966)

 




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