Philosophische Praxis Gerd B. Achenbach [www.achenbach-pp.de]
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[Philosophische Praxis Gerd B. Achenbach]

Materialien zu Ludwig Feuerbach für den „Lehrgang Philosophische Praxis” am Wochenende 31. Mai bis 2. Juni 2019 in Bergisch Gladbach:

In meiner Sammlung von Zitaten und Motti zur Philosophischen Praxis finden sich u. a. die folgenden Feuerbach-Stellen:

„Der Philosoph muß das im Menschen, was nicht philosophiert, was vielmehr gegen die Philosophie ist, dem abstrakten Denken opponiert, das also, was bei Hegel nur zur Anmerkung herabgesetzt ist, in den Text der Philosophie aufnehmen. Nur so wird die Philosophie zu einer universalen, gegensatzlosen, unwiderleglichen, unwiderstehlichen Macht. Die Philosophie hat daher nicht mit sich, sondern mit ihrer Antithese, mit der Nichtphilosophie zu beginnen. Dieses vom Denken unterschiedene, unphilosophische, absolut antischolastische Wesen in uns ist das Prinzip des Sensualismus. [Feuerbach, Bd. 3, „Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie”, S. 234.]

„... kategorischer Imperativ: Wolle nicht Philosoph sein im Unterschied vom Menschen, sei nichts weiter als ein denkender Mensch; denke nicht als Denker, d.h. in einer aus der Totalität des wirklichen Menschenwesens herausgerissenen und für sich isolierten Fakultät; denke als lebendiges, wirkliches Wesen, als welches Du den belebenden und erfrischenden Wogen des Weltmeeres ausgesetzt bist; denke in der Existenz, in der Welt als ein Mitglied derselben, nicht im Vacuum der Abstraktion”. [Feuerbach, Bd. 3, „Grundsätze der Philosophie der Zukunft”, § 52/51,S. 316.]

Dazu gehört eine Passage (Schluß-Passage) aus seiner „Beurteilung der Schrift ...” von 1842:

„Ein wesentlicher Unterschied endlich zwischen Hegel und meiner Wenigkeit besteht darin, daß Hegel Professor der Philosophie war, ich aber kein Professor, kein Doktor bin, Hegel also in einer akademischen Schranke und Qualität, ich aber als Mensch, als purer blanker Mensch lebe, denke und schreibe ‒ ... Die wesentliche Tendenz der philosophischen Tätigkeit kann überhaupt keine andre mehr sein als die, den Philosophen zum Menschen, den Menschen zum Philosophen zu machen. Der wahre Philosoph ist ... der Mensch, der für alles wesentlich Menschliche Sinn und Verstand ... hat. Die Philosophie soll nicht die Wissenschaft einer besondern Fakultät, ...; sie soll das ganze Wesen des Menschen, alle Fakultäten in sich fassen. Zum Philosophen gehört daher nicht nur der actus purus des Denkens, sondern auch der actus impurus oder mixtus der Leidenschaft, der sinnlichen Rezeptivität, die uns allein in den universalen Konflux der wirklichen Dinge versetzt. Die Philosophie als Sache einer besondern Fakultät, als Sache des bloßen abgesonderten Denkens isoliert und entzweit den Menschen; sie hat daher die übrigen Fakultäten notwendig zu ihrem Gegensatze. Nur dann erst wird die Philosophie von diesem Gegensatze frei, wenn sie den Gegensatz zur Philosophie in sich selbst aufnimmt. ... Dadurch, daß die Philosophie vom Katheder herabgestiegen, ist sie eben äußerlich, faktisch schon über die armseligen Schranken einer Fakultätswissenschaft erhoben, ist sie nicht mehr zu einer bloßen Professoralangelegenheit, sondern zur Sache des Menschen, des ganzen, freien Menschen gemacht. Mit dem Austritt der Philosophie aus der Fakultät beginnt daher eine neue Periode der Philosophie. Erst mit Wolff wurde die neuere Philosophie ... zu einer förmlichen Fakultätswissenschaft. Leibniz, Spinoza, Cartesius, G. Bruno, Campanella waren keine Professoren der Philosophie. Die Universitäten sträubten sich vielmehr aus allen Kräften gegen das Licht der neuern Philosophie; die Universitäten hatten es überhaupt von jeher, mit Ausnahme weniger, schnell vorübergeeilter Lichtmomente in ihrer Geschichte, nur mit dem toten, abgemachten, nicht dem lebendigen, schaffenden Wissen zu tun. ...
Die österreichischen Universitäten wurden unter Ferdinand III. ... eidlich verpflichtet, die Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes zu verteidigen ... Stehen unsre heutigen Universitäten auf einem höhern, freiern Standpunkt? ...
Die neue Periode der Philosophie beginnt mit der Inkarnation der Philosophie. ... Die menschgewordne Philosophie ist allein die positive, d. i. wahre Philosophie. Die einfachsten Wahrheiten sind es gerade, auf die der Mensch immer erst am spätesten kommt. Dem einfachen Kopernikanischen System ging das verwickelte Ptolemäische System voraus.”
(Feuerbach, Bd. 3, „Zur Beurteilung der Schrift »Das Wesen des Christentums«”, S. 220-222)

„Was man wahrhaft studiren will, mit dem muss man identisch sein, wenigstens eine Zeit lang. Mit Hegel muss man Hegel, mit Leibniz Leibniz, mit Spinoza Spinozist werden. Wer seinen Verstand nur gegen Etwas gewendet, der kennt nie den wahren Verstand desselben. Ausserdem behandelst Du jene Philosophen blos als Historiker, als Gelehrter, nicht als wesensgleiche Philosophen.”
(Karl Grün, Ludwig Feuerbach in seinem Briefwechsel und Nachlaß sowie in seiner Philosophischen Charakterentwicklung, C.F. Winter'sche Verlagshandlung, Leipzig & Heidelberg 1874, 1. Band, S. 6.)

Einiges aus den „Vorläufigen Thesen zur Reform der Philosophie” von 1843:

„Die wesentlichen Werkzeuge, Organe der Philosophie sind der Kopf, die Quelle der Aktivität ..., und das Herz, die Quelle der Leiden, der Endlichkeit, des Bedürfnisses, ... ‒ theoretisch ausgedrückt: Denken und Anschauung; denn das Denken ist das Bedürfnis des Kopfes, die Anschauung, der Sinn das Bedürfnis des Herzens. Das Denken ist das Prinzip der Schule, des Systems, die Anschauung das Prinzip des Lebens. In der Anschauung werde ich bestimmt vom Gegenstande, im Denken bestimme ich den Gegenstand; im Denken bin ich Ich, in der Anschauung Nicht-Ich. Nur aus der Negation des Denkens, aus dem Bestimmtsein vom Gegenstande, aus der Passion, aus der Quelle aller Lust und Not erzeugt sich der wahre, objektive Gedanke, die wahre, objektive Philosophie.”
[Feuerbach, Bd. 3, „Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie”, S. 234f.]

Weiter zur Bedeutung des Herzens in der praktischen Philosophie:

W”ie die Philosophie, so der Philosoph, und umgekehrt: die Eigenschaften des Philosophen, die subjektiven Bedingungen und Elemente der Philosophie sind auch ihre objektiven. Der wahre, der mit dem Leben, dem Menschen identische Philosoph muß gallo-germanischen Geblütes sein. Erschreckt nicht, ihr keuschen Deutschen, über diese Vermischung! ... Das Herz - das weibliche Prinzip, der Sinn für das Endliche, der Sitz des Materialismus ‒ ist französisch gesinnt; der Kopf - das männliche Prinzip, der Sitz des Idealismus - deutsch. Das Herz revolutioniert, der Kopf reformiert; der Kopf bringt die Dinge zustande, das Herz in Bewegung. Aber nur wo Bewegung, Wallung, Leidenschaft, Blut, Sinnlichkeit, da ist auch Geist. Nur der Esprit Leibniz’, sein sanguinisches, materialistisch-idealistisches Prinzip war es, was zuerst die Deutschen aus ihrem philosophischen Pedantismus und Scholastizismus herausriß.
Das Herz galt bisher in der Philosophie für die Brustwehr der Theologie. Aber gerade das Herz ist das schlechterdings antitheologische, das im Sinn der Theologie ungläubige, atheistische Prinzip im Menschen. Denn es glaubt an nichts anderes, als an sich selbst, glaubt nur an die unumstößliche, göttliche, absolute Realität seines Wesens. Aber der Kopf, welcher das Herz nicht versteht, verwandelt, weil Trennen, Unterscheiden in Subjekt und Objekt seine Sache ist, das eigene Wesen des Herzens in ein vom Herzen unterschiedenes, objektives, äußerliches Wesen. Allerdings ist dem Herzen ein anderes Wesen ein Bedürfnis, jedoch nur ein solches Wesen, welches seinesgleichen, nicht vom Herzen unterschieden ist, nicht dem Herzen widerspricht. Die Theologie leugnet die Wahrheit des Herzens, die Wahrheit des religiösen Affektes. Der religiöse Affekt, das Herz, sagt z.B.: »Gott leidet«; die Theologie dagegen sagt: Gott leidet nicht, d.h. das Herz leugnet den Unterschied Gottes vom Menschen, die Theologie behauptet ihn.”
[Feuerbach, Bd. 3, „Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie”. S. 235f.)

„Die neue, die allein positive Philosophie ist die Negation aller Schulphilosophie, ob sie gleich das Wahre derselben in sich enthält, ist die Negation der Philosophie als einer abstrakten, partikularen, d.h. scholastischen Qualität: sie hat kein Schibolet, keine besondere Sprache, keinen besonderen Namen, kein besonderes Prinzip; sie ist der denkende Mensch selbst ‒ der Mensch, der ist und sich weiß als das selbstbewußte Wesen der Natur, als das Wesen der Geschichte, als das Wesen der Staaten, als das Wesen der Religion ‒ der Mensch, der ist und sich weiß als die wirkliche (nicht imaginäre) absolute Identität aller Gegensätze und Widersprüche, aller aktiven und passiven, geistigen und sinnlichen, politischen und sozialen Qualitäten - weiß, daß das pantheistische Wesen, welches die spekulativen Philosophen oder vielmehr Theologen vom Menschen absonderten, als ein abstraktes Wesen vergegenständlichten, nichts anderes ist als sein eigenes, unbestimmtes, aber unendlicher Bestimmungen fähiges Wesen.”
[Feuerbach, Bd. 3, „Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie”, S. 249]

Aus seiner Schrift „Grundsätze der Philosophie der Zukunft” von 1843, zunächst aus dem Vorwort von 1843:

„Die Philosophie der Zukunft hat die Aufgabe, die Philosophie aus dem Reiche der »abgeschiedenen Seelen« in das Reich der bekörperten, der lebendigen Seelen wieder einzuführen, aus der ... nichtsbedürfenden Gedankenseligkeit in das menschliche Elend herabzuziehen. Zu diesem Zwecke bedarf sie nichts weiter als einen menschlichen Verstand und menschliche Sprache. Rein und wahrhaft menschlich zu denken, zu reden und handeln ist aber erst den kommenden Geschlechtern vergönnt.” (Bd. 3, S. 247.)

Im § 29 findet sich die womöglich kürzeste Fassung seiner Religionskritik:
„Gott ist, was der Mensch sein will ‒ sein eigenes Wesen, sein eigenes Ziel, vorgestellt als wirkliches Wesen.” (S. 295)

Wie Feuerbach die „Liebe” und was er unter „Sinnlichkeit” versteht ‒ eine oft mißverstandene Kategorie ... ‒ einige Paragraphen aus den „Grundsätzen” (in der neueren Ausgabe von Erich Thies, der „Theorie Werkausgabe” sind dies die Paragraphen 35 bis 37):

§ 35/34.

Die neue Philosophie stützt sich auf die Wahrheit der Liebe, die Wahrheit der Empfindung. In der Liebe, in der Empfindung überhaupt gesteht jeder Mensch die Wahrheit der neuen Philosophie ein. Die neue Philosophie ist in Beziehung auf ihre Basis selbst nichts anderes als das zum Bewußtsein erhobene Wesen der Empfindung - sie bejaht nur in und mit der Vernunft, was jeder Mensch - der wirklicher Mensch - im Herzen bekennt. Sie ist das zu Verstand gebrachte Herz. Das Herz will keine abstrakten, keine metaphysischen oder theologischen - es will wirkliche, es will sinnliche Gegenstände und Wesen.


§ 36/35.

Wenn die alte Philosophie sagte: was nicht gedacht ist, das ist nicht; so sagt dagegen die neue Philosophie: was nicht geliebt wird, nicht geliebt werden kann, das ist nicht. Was aber nicht geliebt werden kann, das kann auch nicht angebetet werden. Nur was Objekt der Religion sein kann, das ist Objekt der Philosophie.
Wie aber objektiv, so ist auch subjektiv die Liebe das Kriterium des Seins - das Kriterium der Wahrheit und Wirklichkeit. Wo keine Liebe, ist auch keine Wahrheit. Und nur der ist etwas, der etwas liebt - Nichts sein und Nichts lieben ist identisch. Je mehr einer ist, desto mehr liebt er und umgekehrt.

§ 37/36.

Wenn die alte Philosophie zu ihrem Ausgangspunkt den Satz hatte: Ich bin ein abstraktes, ein nur denkendes Wesen, der Leib gehört nicht zu meinem Wesen; so beginnt dagegen die neue Philosophie mit dem Satze: Ich bin ein wirkliches, ein sinnliches Wesen: der Leib gehört zu meinem Wesen; ja der Leib in seiner Totalität ist mein Ich, mein Wesen selber. Der alte Philosoph dachte daher in einem fortwährenden Widerspruch und Hader mit den Sinnen, um die sinnlichen Vorstellungen abzuwehren, die abstrakten Begriffe nicht zu verunreinigen; der neue Philosoph dagegen denkt im Einklang und Frieden mit den Sinnen. Die alte Philosophie gestand die Wahrheit der Sinnlichkeit ein - selbst im Begriffe Gottes, welcher das Sein in sich begreift, denn dieses Sein sollte doch zugleich wieder ein vom Gedachtsein unterschiedenes Sein, ein Sein außer dem Geiste, außer dem Denken, ein wirklich objektives, d.i. sinnliches Sein sein - aber nur versteckt, nur in abstracto, nur unbewußt und widerwillig, nur weil sie mußte - die neue Philosophie dagegen anerkennt die Wahrheit der Sinnlichkeit mit Freuden, mit Bewußtsein - sie ist die offenherzig sinnliche Philosophie. (S. 301f.)

Der besonders wichtige Paragraph 42 (nach älterer Zählung 41):

§ 42/41.

Den Sinnen sind nicht nur »äußerliche« Dinge Gegenstand. Der Mensch wird sich selbst nur durch den Sinn gegeben - er ist sich selbst als Sinnenobjekt Gegenstand. Die Identität von Subjekt und Objekt, im Selbstbewußtsein nur abstrakter Gedanke, ist Wahrheit und Wirklichkeit nur in der sinnlichen Anschauung des Menschen vom Menschen.
Wir fühlen nicht nur Steine und Hölzer, nicht nur Fleisch und Knochen, wir fühlen auch Gefühle, indem wir die Hände oder Lippen eines fühlenden Wesens drücken; wir vernehmen durch die Ohren nicht nur das Rauschen des Wassers und das Säuseln der Blätter, sondern auch die seelenvolle Stimme der Liebe und Weisheit; wir sehen nicht nur Spiegelflächen und Farbengespenster, wir blicken auch in den Blick des Menschen. Nicht nur Äußerliches also, auch Innerliches, nicht nur Fleisch, auch Geist, nicht nur das Ding, auch das Ich ist Gegenstand der Sinne. - Alles ist darum sinnlich wahrnehmbar, wenn auch nicht unmittelbar, doch mittelbar, wenn auch nicht mit den pöbelhaften, rohen, doch mit den gebildeten Sinnen, wenn auch nicht mit den Augen des Anatomen oder Chemikers, doch mit den Augen des Philosophen. Mit Recht leitet daher auch der Empirismus den Ursprung unserer Ideen von den Sinnen ab; nur vergißt er, daß das wichtigste, wesentlichste Sinnenobjekt des Menschen der Mensch selbst ist, daß nur im Blick des Menschen in den Menschen das Licht des Bewußtseins und Verstandes sich entzündet. Der Idealismus hat daher recht, wenn er im Menschen den Ursprung der Ideen sucht, aber unrecht, wenn er sie aus dem isolierten, als für sich seiendem Wesen, als Seele fixierten Menschen, mit einem Worte: aus dem Ich ohne ein sinnlich gegebenes Du ableiten will. Nur durch Mitteilung, nur aus der Konversation des Menschen mit dem Menschen entspringen die Ideen. Nicht allein, nur selbander kommt man zu Begriffen, zur Vernunft überhaupt. Zwei Menschen gehören zur Erzeugung des Menschen - des geistigen so gut wie des physischen: die Gemeinschaft des Menschen mit dem Menschen ist das erste Prinzip und Kriterium der Wahrheit und Allgemeinheit. Die Gewißheit selbst von dem Dasein anderer Dinge außer mir ist für mich vermittelt durch die Gewißheit von dem Dasein eines anderen Menschen außer mir. Was ich allein sehe, daran zweifle ich, was der andere auch sieht, das erst ist gewiß. (S. 306f.)

Sein Begriff des „Sinnlichen”:

„Das Sinnliche ist nicht das Unmittelbare im Sinn der spekulativen Philosophie, in dem Sinn, daß es das Profane, das auf platter Hand Liegende, das Gedankenlose, das sich von selbst Verstehende sei. Die unmittelbare, sinnliche Anschauung ist vielmehr später als die Vorstellung und Phantasie. Die erste Anschauung des Menschen ist selber nur die Anschauung der Vorstellung und Phantasie. Die Aufgabe der Philosophie, der Wissenschaft überhaupt besteht daher nicht darin, von den sinnlichen, d.i. wirklichen Dingen weg, sondern zu ihnen hin zu kommen - nicht darin, die Gegenstände in Gedanken und Vorstellungen zu verwandeln, sondern darin, das den gemeinen Augen Unsichtbare sichtbar, d.i. gegenständlich zu machen.” (Aus: § 44 bzw. 43, S. 308)

Aus dem § 49/48:

„Das Wirkliche ist im Denken nicht in ganzen Zahlen, sondern nur in Brüchen darstellbar. Diese Differenz ist eine normale - sie beruht auf der Natur des Denkens, dessen Wesen die Allgemeinheit ist, im Unterschied von der Wirklichkeit, deren Wesen die Individualität. Daß aber diese Differenz nicht zu einem förmlichen Widerspruch zwischen dem Gedachten und dem Wirklichen kommt, dies wird nur dadurch verhindert, daß das Denken nicht in gerader Linie, in der Identität mit sich fortläuft, sondern sich durch die sinnliche Anschauung unterbricht. Nur das durch die sinnliche Anschauung sich bestimmende und rektifizierende Denken ist reales, objektives Denken - Denken objektiver Wahrheit.
... die sinnliche Anschauung ist die Gegenpartei des Denkens. Die Anschauung nimmt die Dinge in einem weiten, das Denken im engsten Sinne; die Anschauung läßt die Dinge in ihrer unbeschränkten Freiheit, das Denken gibt ihnen Gesetze, aber sie sind nur zu oft despotische; die Anschauung klärt den Kopf auf, aber bestimmt und entscheidet nichts; das Denken determiniert, aber borniert auch oft den Kopf; die Anschauung für sich hat keine Grundsätze, das Denken für sich kein Leben; die Regel ist die Sache des Denkens; die Ausnahme von der Regel die Sache der Anschauung. Wie daher nur die durch das Denken determinierte Anschauung die wahre ist, so ist auch umgekehrt nur das durch die Anschauung erweiterte und aufgeschlossene Denken das wahre, dem Wesen der Wirklichkeit entsprechende Denken.” (312ff.)

[Aus § 53:] Erst die Fleisch und Blut gewordne Wahrheit ist Wahrheit”. (S. 317)

§ 56/55.

Kunst, Religion, Philosophie oder Wissenschaft sind nur die Erscheinungen oder Offenbarungen des
wahren menschlichen Wesens. ‒ Mensch, vollkommener, wahrer Mensch ist nur, wer ästhetischen oder künstlerischen, religiösen oder sittlichen und philosophischen oder wissenschaftlichen Sinn hat ‒ Mensch überhaupt nur der, welcher nichts wesentlich Menschliches von sich ausschließt. Homo sum, humani nihil a me alienum puto* ‒ dieser Satz, in seiner universellsten und höchsten Bedeutung genommen, ist der Wahlspruch des neuen Philosophen. (319)
* Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denk ich, ist mir fremd.

[Aus § 59:]

„Die neue Philosophie, welche den wesentlichen und höchsten Gegenstand des Herzens, den Menschen, auch zum wesentlichen und höchsten Gegenstand des Verstandes macht, begründet daher eine vernünftige Einheit von Kopf und Herz, von Denken und Leben.” (S. 320)

Zuletzt in den „Grundsätzen der Philosophie der Zukunft” folgen Notizen zu „Ich und Du” oder zum Grundsatz:

„Kein Du ‒ kein Ich.” (s.u.):

§ 61/59.

Der einzelne Mensch für sich hat das Wesen des Menschen weder in sich als moralischem, noch in sich als denkendem Wesen. Das Wesen des Menschen ist nur in der Gemeinschaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen enthalten - eine Einheit, die sich aber nur auf die Realität des Unterschiedes von Ich und Du stützt. (321)

§ 62/60.

Einsamkeit ist Endlichkeit und Beschränktheit, Gemeinschaftlichkeit ist Freiheit und Unendlichkeit. Der Mensch für sich ist Mensch (im gewöhnlichen Sinn); Mensch mit Mensch - die Einheit von Ich und Du ist Gott. (321)

§ 63/61.

Der absolute Philosoph sagte oder dachte wenigstens, analog dem L'état c'est moi des absoluten Monarchen und L'être c'est moi des absoluten Gottes - von sich, als Denker natürlich, nicht als Menschen: la vérité c'est moi. Der menschliche Philosoph sagt dagegen: ich bin auch im Denken, auch als Philosoph Mensch mit Menschen. (321)

§ 64/62.

Die wahre Dialektik ist kein Monolog des einsamen Denkers mit sich selbst, sie ist ein Dialog zwischen Ich und Du. (321)

§ 65/63.

Die Trinität war das höchste Mysterium, der Zentralpunkt der absoluten Philosophie und Religion. Aber das Geheimnis derselben ist, wie im Wesen des Christentums historisch und philosophisch bewiesen wurde, das Geheimnis des gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Lebens - das Geheimnis der Notwendigkeit des Du für das Ich - die Wahrheit, daß kein Wesen, es sei und heiße nun Mensch oder Gott oder Geist oder Ich, für sich selbst allein ein wahres, ein vollkommenes, ein absolutes Wesen, daß die Wahrheit und Vollkommenheit nur ist die Verbindung, die Einheit von wesensgleichen Wesen. Das höchste und letzte Prinzip der Philosophie ist daher die Einheit des Menschen mit dem Menschen. ... (321f.)

§ 66/64.

Die alte Philosophie hat eine doppelte Wahrheit - die Wahrheit für sich selbst, die sich nicht um den Menschen bekümmerte - die Philosophie - und die Wahrheit für den Menschen - die Religion. Die neue Philosophie dagegen, als die Philosophie des Menschen, ist auch wesentlich die Philosophie für den Menschen - sie hat, unbeschadet der Würde und Selbständigkeit der Theorie, ja im innigsten Einklang mit derselben, wesentlich eine praktische, und zwar im höchsten Sinne praktische Tendenz; sie tritt an die Stelle der Religion, sie hat das Wesen der Religion in sich, sie ist in Wahrheit selbst Religion. (322)

Zur Ergänzung aus „Über das »Wesen des Christentums« in Beziehung auf den »Einzigen und sein Eigentum«” von 1845:

„Nur die Gattung ist imstande, die Gototheit, die Religion aufzuhaben und zugleich zu ersetzen. Kein Religion haben heißt: nur an sich selbst denken; Religion haben: an andere denken. Und diese Religion ist allein bleibende, wenigstens solange, als nicht ein »einziger« Mensch auf Erden ist; denn sowie wir nur zwei Menschen, wie Mann und weib, haben, so haben wir auch schon Religion. Zwei, Unterschied ist der Ursprung der Religion ‒ das Du der Gott des Ich, denn ich bin nicht ohne dich; ich hänge vom Du ab; kein Du ‒ kein Ich.” (4. Bd., S. 76.)

In der zweiten Auflage hat Feuerbach diese Passage durch eine Anmerkung ergänzt, und zwar die folgende:

„Der Mann ist die Vorsehung des Weibes, das Weib die Vorsehung des Mannes, der Wohltäter die Vorsehung des Notleidenden, der Arzt die Vorsehung des Kranken, der Vater die Vorsehung des Kindes. Der Helfer muß mehr sein und mehr haben ‒ wenigstens in der Beziehung, worin er Hilfe leistet ‒ als der Hilfsbedürftige. Wer selbst Not leidet, wie kann er andern Notleidenden helfen? Nein! wer mich aus dein Moraste herausziehen will oder soll, der muß über dem Morast, muß »über mir« stehen. Was ist denn nun aber dieses über mir stehende Wesen? Ist es ein andres, fremdes Wesen? Ist es mir im Gegenteil nicht so nahe als mein eignes Herz, mein eignes Auge, mein eigner Arm? Ist es nicht im strengsten Sinne mein »anderes Ich«? Es tut ja nur, was ich selbst tun will, im Zustande der Freiheit, Gesundheit, Selbständigkeit auch wirklich selbst tue, aber jetzt nur nicht tun kann. Bin ich lahm, so sind des andern Arme und Beine meine Bewegungsorgane; bin ich blind, so sind seine Augen meine Führer; bin ich Kind, so ist des Vaters Wille und Verstand mein Wille und Verstand, mein Fürmichsein, denn als Kind bin ich in tausend Fällen wider und ohne mein Wissen wider mich selbst. So ist der Mensch der Gott des Menschen! Und nur durch diesen menschlichen Gott kannst du den un- und außermenschlichen überflüssig machen.” (4. Bd., S. 460f.)

Eine Freud-Antizipation ...:

„Der Mensch steht mit Bewusstsein auf einem unbewussten Grunde; er ist unwillkürlich da, er ist ein nothwendiges Wesen der Natur. Die Natur wirkt in ihm ohne sein Wollen und Wissen. Er nennt seinen Leib sein und ist ihm doch absolut fremd; er isst mit Genuss, und was ihn zum Hunger treibt, ist ein anderes Wesen. Er isst: und doch hat er weder den Grund noch die Folgen desselben in seiner Gewalt, weder des Wissens noch des Könnens. Er muss essen. Er ist in seinem eigenen Hause ein Fremdling, er hat alle Lasten und Genüsse, Schmerzen und Freuden, ohne doch Grundeigenthümer, Herr zu sein. Er ist gestellt auf die Spitze einer schwindelnden Anhöhe - unter ihm ein unbegreiflicher Abgrund.”
(Ludwig Feuerbach, Sämtliche Werke, Neu herausgegeben von W. Bolin und Fr. Jodl, 2. Aufl., Fromann Verlag 1960, X. Band, S. 306.)

Einige Fragmente aus „Fragmente zur Charakteristik meines philosophischen Curriculum vitae” von 1846:

„Die Religion ist die erste Liebe, die Liebe des Jünglings ‒ die Liebe, die ihren Gegenstand durch die Erkenntnis zu profanieren glaubt. Die Philosophie dagegen ist die eheliche Liebe, die Liebe des Mannes, die sich in den Besitz und Genuß ihres Gegenstandes verfsetzt, aber freilich auch dadurch alle die Reize und Illusionen zerstört, die mit der Geheimniskrämerei der ersten Liebe verbunden sind.” (4. Bd., S. 206)

„Fehler sind unglückliche Tugenden.” (207)

„Folge unverzagt deinen Trieben und Neigungen, aber allen! ‒ Dann wirst du keiner einzigen zum Opfer fallen.” (208)

„Zum Glück ist kein Wesen bestimmt, aber was lebt, ist, eben weil es lebt, zum Leben bestimmt. Das Leben des Lebens ist aber die Liebe.” (208)

„Glauben sollst du, ja, glauben, aber glauben, daß es auch unter Menschen eine wahre Liebe gibt, auch das menschliche Herz unendlicher, allverzeihender der Liebe fähig ist, auch die menschliche Liebe die Eigenschaft der göttlichen Liebe haben kann.” (209)

„Es gibt nur ein Böses ‒ es ist der Egoismus; und ein Gutes ‒ es ist die Liebe.

Liebe, aber wahrhaft! ‒ und es fallen dir alle andern Tugenden von selber zu.

Was ist die Liebe? Die Einheit von Denken und Sein. Sein ist das Weib, Denken der Mann.” (210)

„Was ist das sicherste Zeichen, daß eine Religion keine innere Lebenskraft mehr besitzt? Wenn ihr die Fürsten der Welt ihren Arm bieten, um sie wieder auf die Beine zu bringen.” (221)

„Gott war mein erster Gedanke, die Vernunft mein zweiter, der Mensch mein dritter und letzter Gedanke. Das Subjekt der Gottheit ist die Vernunft, aber das Subjekt der Vernunft der Mensch.” (224)

„Keine Religion! ‒ ist meine Religion; keine Philosophie! ‒ ist meine Philosophie.” (227; dies das vorletzte seiner Fragmente ...)