Philosophische Praxis Gerd B. Achenbach [www.achenbach-pp.de]
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[Philosophische Praxis Gerd B. Achenbach]

Hier einige der Materialien, die diesem Wochenende zugrunde lagen:

Dialektik - zuerst Heraklit:

Philosophie sei abstrakt, lautet der Vorwurf, unanschaulich. Richtig, sage ich mit Heraklit, dem ersten Dialektiker unter allen:

„Schlechte Zeugen sind Augen und Ohren für Menschen, wenn sie Barbarenseelen haben.” (Fragment 107)

Hier, bei den Griechen, geht auf, daß es eine Wirklichkeit gibt, die überhaupt nur für das Denken ist. (Übrigens die Sinne: Wie, wenn das eine auch für alle anderen Sinne dasein sollte ...? Ist nicht - was ich schmecke, höre ich nicht usw.)
Wieso kommt gerade Heraklit auf die unsinnliche Wirklichkeit, er, der Dialektiker?
Da ist einer, wir sehen ihn. Und Jahre später: wir sehen ihn wieder. Alles, fast alles, ist nun anders an ihm. Und doch ist er derselbe. Was aber „derselbe” ist, diese sich erhaltende Identität, ist unsinnlich.
Das Identische ist die Zusammenfassung der Gegensätze. Alt und jung - wären das keine Gegensätze, die sich ausschließen? Jemand ist entweder alt oder jung. Ja, allerdings, im Moment. Aber er selbst ist, wenn's gut geht, alt und jung, besser: jung und alt. Genauer sogar: Ist er jung gestorben, dann ist das Ganze unvollkommen, denn der Gegensatz fehlte da noch. [Das Ganze das Wahre ...]
Und dann geht es mit der Dialektik auch und vor allem um das Transzendieren unserer befangenen Position. Es ist Tag, es ist Nacht. Jawohl, allerdings so nur für uns. Während Tag ist, ist auch Nacht. Wo Licht ist, ist Schatten. Das gehört zusammen.

Held („Treffpunkt Platon”, S. 37):
„Im alltäglichen Leben verhalten wir uns normalerweise so, daß wir kaum über den Rahmen hinausdenken, den uns der jeweils gegenwärtig herrschende Zustand unseres Daseins und unserer Welt setzt. Vor allem das Unangenehme wie Hunger, Krieg, Krankheit, Tod verdrängen wir und tun so, als ob es dies überhaupt nicht gäbe. Dagegen stellt Heraklit die Einsicht, daß jeder aktuell nicht gegenwärtige Zustand in seinem aktuell gegenwärtigen Gegenzustand verborgenermaßen mitgegenwärtig und keineswegs ein Nichts ist. Im Leben selbst wartet schon der Tod und in der Nacht der Tag. Diese Mitgegenwart bekundet sich darin, daß jeder eine Zeitlang abwesende Zustand irgendwann aus seiner Verborgenheit hervortritt und selbst in Leben und Welt beherrschend wird und den bis dahin gegenwärtigen Zustand in die verborgene Mitgegenwart abdrängt.”
Hier ist also bereits etwas gesehen, was später als Verdrängung beschrieben wird.
Mir geht es aber zunächst darum, für eine Sichtweise zu werben, die nicht die der Augen ist. Und um das Prinzip, das grundsätzliche, das Heraklit entdeckt hat, recht anschaulich zu machen - für den inneren Sinn -, muß ich vorbereitend einige Wirklichkeiten zitieren, die ich in einem heraklitischen Sinn präsentiere.
Alkohol, Kokain: immer dasselbe. Dieses Aufgeputschseins des Selbstbewußtseins, und dann, im sicher folgenden Anschluß, die Depression. Das gehört zusammen.
Liebe und Haß - oder Empfindlichkeit. Je mehr Nähe, je mehr Ferne. Der Hauptgegensatz: Leben und Tod. Es ist eines, was in diesem Gegensatz da ist. Das immer gleiche und eine, und das immer andere: Der berühmte Fluß, in den kein Mensch zweimal steigt.

91. Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen [nach Heraklit] und nicht zweimal eine ihrer Beschaffenheit nach identische vergängliche Substanz berühren, sondern durch das Ungestüm und die Schnelligkeit ihrer Umwandlung zerstreut und sammelt sie wiederum und naht sich und entfernt sich.
[Heraklit: Fragmente. (vgl. Diels-Vorsokr. I, S. 96)]
49a. In dieselben Fluten steigen wir und steigen wir nicht: wir sind es und sind es nicht.
[Heraklit: Fragmente. (vgl. Diels-Vorsokratiker, Bd. 1, S. 87)]

Dialektisches Zusammenfallen - Hegel:

Im Kreisumfang berühren sich Anfang und Ende. Oder: Der Tod der Eltern ist das Leben der Kinder.

88. Und es ist immer ein und dasselbe was in uns wohnt: Lebendes und Totes und das Wache und das Schlafende und Jung und Alt. Wenn es umschlägt, ist dieses jenes und jenes wiederum, wenn es umschlägt, dieses.
[Heraklit, Fragmente. (vgl. Diels-Vorsokr. I, S. 95)]
Nochmals das Entscheidende:
Alles Geschehen erfolge infolge eines Gegensatzes. (Capelle 133, Nr. 19)
Für Heraklit ist das Werden der Welt nicht mehr eine Sache des Anfangs (7 Schöpfungstage), sondern der Kosmos ist in jedem Augenblick im Werden begriffen. Das, was ist, ist das Werden. Aber wie wird es denn? Auseinandersetzung, Konflikt, Gegensatz, Streit. Das berühmte Fragment:

53. Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.
[Heraklit: Fragmente.(vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 88)]
Auch: „Kampf” (pólemos). (vgl. außerdem: „Die vorsokratischen Philosophen” 212)

Mit dem Geist selbst ist es so: Wie gern würden wir festhalten, bewahren. Aber der Geist treibt weiter, negiert, was er sicher glaubte. Und so auch hier: Es ist wie mit dem Fluß. In der Veränderung bleibt er derselbe, der Geist. Sein ist Wirklichkeit, ihre Wahrheit ihr Wirken. Nietzsche
Und so ist Heraklit tatsächlich der erste, der den logos gedacht hat, das in allem wirkende Eine.
Womöglich kurz daran erinnern, daß Dialektik auch einmal anderes hieß. So bei Schopenhauer ... (Gedanken IX, 2547ff)
Das geht auf die Sophistik zurück, in der Dialektik die Kunst des Meinungsstreits und der logischen Überwältigungsrhetorik war. (Sloterdijk. KzV II, 671)

Sloterdijk findet einen sehr schönen Zugang: vgl. KzV S. 647-695.

Hegel

Aus dem Artikel „Dialektik”, Historisches Wörterbuch der Philosophie (Bd. 2, Spalte 164-226; zit.: 189):
„Das Verständnis der Dialektik Hegels ist das seiner Philosophie [...] Dialektik ist nicht als formale Methode, sondern als 'Gang der Sache selbst' zu begreifen.”
Synonyma: Das Absolute, der Geist, der Leben, das Lebendige, das Unendliche, das Unbedingte, das Wahre, das Wirkliche ...
So finden sich die einschlägig berühmtesten Kurzfassungen zum Wesen der Dialektik z. T. in Wendungen, die ebenso das „Absolute” aussprechen.
Etwa:
„Das Absolute selbst aber ist darum die Identität der Identität und der Nichtidentität; Entgegensetzen und Einsseyn ist zugleich in ihm.” (Differenzschrift)
Oder:
„... das Leben kann eben nicht als Vereinigung, Beziehung allein, sondern muß zugleich als Entgegensetzung betrachtet werden; wenn ich sage, es ist die Verbindung der Entgegensetzung und Beziehung, so kann diese Verbindung selbst wieder isoliert und eingewendet werden, daß sie der Nichtverbindung entgegenstünde; ich muß mich ausdrücken, das Leben sei die Verbindung der Verbindung und der Nichtverbindung”. (Systemfragment von 1800, TA I, 422)

Grundlinien der Philosophie des Rechts / Einleitung (§31)
„Die Methode, wie in der Wissenschaft der Begriff sich aus sich selbst entwickelt und nur ein immanentes Fortschreiten und Hervorbringen seiner Bestimmungen ist, der Fortgang nicht durch die Versicherung, daß es verschiedene Verhältnisse gebe, und dann durch das Anwenden des Allgemeinen auf solchen von sonst her aufgenommenen Stoff geschieht, ist hier gleichfalls aus der Logik vorausgesetzt.
Das bewegende Prinzip des Begriffs, als die Besonderungen des Allgemeinen nicht nur auflösend, sondern auch hervorbringend, heiße ich die Dialektik - Dialektik also nicht in dem Sinne, daß sie einen dem Gefühl, dem unmittelbaren Bewußtsein überhaupt gegebenen Gegenstand, Satz usf. auflöst, verwirrt, herüber- und hinüberführt und es nur mit Herleiten seines Gegenteils zu tun hat - eine negative Weise, wie sie häufig auch bei Platon erscheint. Sie kann so das Gegenteil einer Vorstellung, oder entschieden wie der alte Skeptizismus den Widerspruch derselben, oder auch matter Weise eine Annäherung zur Wahrheit, eine moderne Halbheit, als ihr letztes Resultat ansehen. Die höhere Dialektik des Begriffes ist, die Bestimmung nicht bloß als Schranke und Gegenteil, sondern aus ihr den positiven Inhalt und Resultat hervorzubringen und aufzufassen, als wodurch sie allein Entwicklung und immanentes Fortschreiten ist. Diese Dialektik ist dann nicht äußeres Tun eines subjektiven Denkens, sondern die eigene Seele des Inhalts, die organisch ihre Zweige und Früchte hervortreibt. Dieser Entwicklung der Idee als eigener Tätigkeit ihrer Vernunft sieht das Denken als subjektives, ohne seinerseits eine Zutat hinzuzufügen, nur zu. Etwas vernünftig betrachten heißt, nicht an den Gegenstand von außen her eine Vernunft hinzubringen und ihn dadurch bearbeiten, sondern der Gegenstand ist für sich selbst vernünftig; hier ist es der Geist in seiner Freiheit, die höchste Spitze der selbstbewußten Vernunft, die sich Wirklichkeit gibt und als existierende Welt erzeugt; die Wissenschaft hat nur das Geschäft, diese eigene Arbeit der Vernunft der Sache zum Bewußtsein zu bringen.”
(TA S. 84)

Aus den „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie”, Bd. I, TA 18, S. 460:
„Alle Dialektik läßt das gelten, was gelten soll, als ob es gelte, läßt die innere Zerstörung selbst sich daran entwickeln, - allgemeine Ironie der Welt.” (Umkreis Sokrates)

Aus „Entwürfe über Religion und Liebe”, TA I, S. 246:
„In der Liebe ist das Getrennte noch, aber nicht mehr als Getrenntes, [sondern] als Einiges, und das Lebendige fühlt das Lebendige.”

Aus: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), 1. Teil, „Die Wissenschaft der Logik”:
„Das Dialektische gehörig aufzufassen und zu erkennen ist von der höchsten Wichtigkeit. Es ist dasselbe überhaupt das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens und aller Betätigung in der Wirklichkeit. Ebenso ist das Dialektische auch die Seele alles wahrhaft wissenschaftlichen Erkennens.
In unserem gewöhnlichen Bewußtsein erscheint das Nicht-Stehenbleiben bei den abstrakten Verstandesbestimmungen als bloße Billigkeit, nach dem Sprichwort: »leben und leben lassen«, so daß das eine gilt und auch das andere.
Das Nähere aber ist, daß das Endliche nicht bloß von außen her beschränkt wird, sondern durch seine eigene Natur sich aufhebt und durch sich selbst in sein Gegenteil übergeht. So sagt man z. B., der Mensch ist sterblich, und betrachtet dann das Sterben als etwas, das nur in äußern Umständen seinen Grund hat, nach welcher Betrachtungsweise es zwei besondere Eigenschaften des Menschen sind, lebendig und auch sterblich zu sein. Die wahrhafte Auffassung aber ist diese, daß das Leben als solches den Keim des Todes in sich trägt, und daß überhaupt das Endliche sich in sich selbst widerspricht und dadurch sich aufhebt. -
Die Dialektik ist nun ferner nicht mit der bloßen Sophistik zu verwechseln, deren Wesen gerade darin besteht, einseitige und abstrakte Bestimmungen in ihrer Isolierung für sich geltend zu machen, je nachdem solches das jedesmalige Interesse des Individuums und seiner besonderen Lage mit sich bringt.
So ist es z. B. in Beziehung auf das Handeln ein wesentliches Moment, daß ich existiere und daß ich die Mittel zur Existenz habe. Wenn ich dann aber diese Seite, dieses Prinzip meines Wohles für sich heraushebe und die Folge daraus ableite, daß ich stehlen oder daß ich mein Vaterland verraten darf, so ist dies eine Sophisterei. -
Ebenso ist in meinem Handeln meine subjektive Freiheit in dem Sinn, daß bei dem, was ich tue, ich mit meiner Einsicht und Überzeugung bin, ein wesentliches Prinzip. Räsoniere ich aber aus diesem Prinzip allein, so ist dies gleichfalls Sophisterei und werden damit alle Grundsätze der Sittlichkeit über den Haufen geworfen. -
Die Dialektik ist von solchem Tun wesentlich verschieden, denn diese geht gerade darauf aus, die Dinge an und für sich zu betrachten, wobei sich sodann die Endlichkeit der einseitigen Verstandes|bestimmungen ergibt.- [...]
Übrigens ist die Dialektik in der Philosophie nichts Neues. [...] Bei Sokrates hat das Dialektische, in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Charakter seines Philosophierens, noch eine vorherrschend subjektive Gestalt, nämlich die der Ironie. Sokrates richtete seine Dialektik einmal gegen das gewöhnliche Bewußtsein überhaupt und sodann insbesondere gegen die Sophisten. Bei seinen Unterredungen pflegte er dann den Schein anzunehmen, als wolle er sich näher über die Sache, von welcher die Rede war, unterrichten; er tat in dieser Beziehung allerhand Fragen und führte so die, mit denen er sich unterredete, auf das Entgegengesetzte von dem, was ihnen zunächst als das Richtige erschienen war. Wenn z. B. die Sophisten sich Lehrer nannten, so brachte Sokrates [...] den Sophisten Protagoras dahin, zugeben zu müssen, daß alles Lernen bloß Erinnerung sei. -
Platon zeigt dann in seinen strengen wissenschaftlichen Dialogen durch die dialektische Behandlung überhaupt die Endlichkeit aller festen Verstandesbestimmungen. So leitet er z. B. im Parmenides vom Einen das Viele ab und zeigt demungeachtet, wie das Viele nur dies ist, sich als das Eine zu bestimmen. In solcher großen Weise hat Platon die Dialektik behandelt. -
In der neueren Zeit ist es vornehmlich Kant gewesen, der die Dialektik wieder in Erinnerung gebracht und dieselbe aufs neue in ihre Würde eingesetzt hat, und zwar durch die [...] Durchführung der sogenannten Antinomien der Vernunft, bei denen es sich [...] darum handelt, aufzuzeigen, wie eine jede abstrakte Verstandesbestimmung, nur so genommen, wie sie sich selbst gibt, unmittelbar in ihr Entgegengesetztes umschlägt. -
Wie sehr nun auch der Verstand sich gegen die Dialektik zu sträuben pflegt, so ist dieselbe doch gleichwohl keineswegs als bloß für das philosophische Bewußtsein vorhanden zu betrachten, sondern es findet sich vielmehr dasjenige, um was es sich hierbei handelt, auch schon in allem sonstigen Bewußtsein und in der allgemeinen Erfahrung. Alles, was uns umgibt, kann als ein Beispiel des Dialektischen betrachtet werden. Wir wissen, daß alles Endliche, anstatt ein Festes und Letztes zu sein, vielmehr veränderlich und vergänglich ist, und dies ist nichts anderes als die Dialektik des Endlichen, wodurch dasselbe, als an sich das Andere seiner selbst, auch über das, was es unmittelbar ist, hinausgetrieben wird und in sein Entgegengesetztes umschlägt. [...]
So ist [...] von der Dialektik [...] zu bemerken, daß das Prinzip derselben der Vorstellung von der Macht Gottes entspricht. Wir sagen, daß alle Dinge (d. h. alles Endliche als solches) zu Gericht gehen, und haben damit die Anschauung der Dialektik als der allgemeinen unwiderstehlichen Macht, vor welcher nichts, wie sicher und fest dasselbe sich auch dünken möge, zu bestehen vermag. - [...]
Weiter macht sich nun auch die Dialektik in allen besonderen Gebieten und Gestaltungen der natürlichen und der geistigen Welt geltend. So z. B. in der Bewegung der Himmelskörper. Ein Planet steht jetzt an diesem Ort, ist aber an sich, dies auch an einem anderen Ort zu sein, und bringt dies sein Anderssein zur Existenz dadurch, daß er sich bewegt. [...] Dasselbe Prinzip ist es, welches die Grundlage aller übrigen Naturprozesse bildet und wodurch zugleich die Natur über sich selbst hinausgetrieben wird.
Was das Vorkommen der Dialektik in der geistigen Welt und näher auf dem Gebiet des Rechtlichen und Sittlichen anbetrifft, so braucht hier nur daran erinnert zu werden, wie, allgemeiner Erfahrung zufolge, das Äußerste eines Zustandes oder eines Tuns in sein Entgegengesetztes umzuschlagen pflegt, welche Dialektik dann auch vielfältig in Sprichwörtern ihre Anerkennung findet. So heißt es z. B.: summum ius summa iniuria [das strengste Recht ist das größte Unrecht], womit ausgesprochen ist, daß das abstrakte Recht, auf seine Spitze getrieben, in Unrecht umschlägt.
Ebenso ist es bekannt, wie im Politischen die Extreme der Anarchie und des Despotismus einander gegenseitig herbeizuführen pflegen.
Das Bewußtsein der Dialektik im Gebiet des Sittlichen in seiner individuellen Gestalt finden wir in jenen allbekannten Sprichwörtern: Hochmut kommt vor dem Fall, Allzuscharf macht schartig usw. -
Auch die Empfindung, die leibliche sowohl als die geistige, hat ihre Dialektik. Es ist bekannt, wie die Extreme des Schmerzes und der Freude ineinander übergehen; das von Freude erfüllte Herz erleichtert sich in Tränen, und die innigste Wehmut pflegt unter Umständen sich durch Lächeln anzukündigen.”

(TA VIII, 173-175)

Aus: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie Bd. I, „Einleitung”:
„Wir können das, worauf es hier ankommt, in die einzige Bestimmung der »Entwicklung« zusammenfassen. Wenn uns dies deutlich wird, so wird alles übrige sich von selbst ergeben und folgen. Die Taten der Geschichte der Philosophie sind keine Abenteuer - sowenig die Weltgeschichte nur romantisch ist -, nicht nur eine Sammlung von zufälligen Begebenheiten, Fahrten irrender Ritter, die sich für sich herumschlagen, absichtslos abmühen und deren Wirksamkeit spurlos verschwunden ist. Ebensowenig hat sich hier einer etwas ausgeklügelt, dort ein anderer nach Willkür, sondern in der Bewegung des denkenden Geistes ist wesentlich Zusammenhang. Es geht vernünftig zu. Mit diesem Glauben an den Weltgeist müssen wir an die Geschichte und insbesondere an die Geschichte der Philosophie gehen. [...]
Zum Behufe dieser Erkenntnis müssen wir uns auf einige abstrakte Begriffe einlassen, die so ganz allgemein und trocken sind. Es sind die zwei Bestimmungen von Entwicklung und von Konkretem. [...]

a. Der Begriff der Entwicklung
Entwicklung ist eine bekannte Vorstellung. Es ist aber das Eigentümliche der Philosophie, das zu untersuchen, was man sonst für bekannt hält.

Was man unbesehen handhabt und gebraucht, womit man sich im Leben herumhilft, ist gerade das Unbekannte, wenn man nicht philosophisch gebildet ist. [...]

Einschub: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle.” (Phänomenologie des Geistes, Vorrede, III, 35)


Um zu fassen, was Entwickeln ist, müssen zweierlei - sozusagen - Zustände unterschieden werden. Der eine ist das, was als Anlage, Vermögen, das Ansichsein, wie ich es nenne (potentia), bekannt ist. Die zweite Bestimmung ist das Fürsichsein, die Wirklichkeit (actus). Wir sagen, der Mensch ist vernünftig, hat Vernunft von Natur; so hat er sie nur in der Anlage, im Keime. Der Mensch hat Vernunft, Verstand, Phantasie, Wille, wie er geboren, selbst im Mutterleibe. Das Kind ist auch ein Mensch, es hat aber nur das Vermögen, die reale Möglichkeit der Vernunft; es ist so gut, als hätte es keine Vernunft, sie existiert noch nicht | an ihm; es vermag noch nichts Vernünftiges zu tun, hat kein vernünftiges Bewußtsein. Erst indem (das), was der Mensch so an sich ist, für ihn wird, also die Vernunft für sich, hat dann der Mensch Wirklichkeit nach irgendeiner Seite, - ist wirklich vernünftig, und nun für die Vernunft.
Was heißt dies näher? Was an sich ist, muß dem Menschen zum Gegenstand werden, zum Bewußtsein kommen; so wird es für den Menschen. Was ihm Gegenstand, ist dasselbe, was er an sich ist; und so wird der Mensch erst für sich selbst, ist verdoppelt, ist erhalten, nicht ein Anderer geworden. [...]
Der Mensch, der an sich vernünftig ist, ist nicht weitergekommen, wenn er für sich vernünftig ist. Das Ansich erhält sich, und doch ist der Unterschied ganz ungeheuer.[...]
Alles Erkennen, Lernen, Wissenschaft, selbst Handeln beabsichtigt weiter nichts, als das, was innerlich, an sich ist, aus sich herauszuziehen und sich gegenständlich zu werden.
In die Existenz treten ist Veränderung und in demselben eins und dasselbe bleiben. Das Ansich regiert den Verlauf.”

(TA XVIII, 38-40)

Aus der „Phänomenologie des Geistes”, Vorrede, TA III, S. 46:
„Die Philosophie dagegen betrachtet nicht [die] unwesentliche Bestimmung, sondern sie, insofern sie wesentliche ist; nicht das Abstrakte oder Unwirkliche ist ihr Element und Inhalt, sondern das Wirkliche, sich selbst Setzende und in sich Lebende, das Dasein in seinem Begriffe. Es ist der Prozeß, der sich seine Momente erzeugt und durchläuft, und diese ganze Bewegung macht das Positive und seine Wahrheit aus. Diese schließt also ebensosehr das Negative in sich, dasjenige, was das Falsche genannt werden würde, wenn es als ein solches betrachtet werden könnte, von dem zu abstrahieren sei. Das Verschwindende ist vielmehr selbst als wesentlich zu betrachten, nicht in der Bestimmung eines Festen, das vom Wahren abgeschnitten, außer ihm, man weiß nicht wo, liegen zu lassen sei, so wie auch das Wahre nicht als das auf der andern Seite ruhende, tote Positive. Die Erscheinung ist das Entstehen und Vergehen, das selbst nicht entsteht und vergeht, sondern an sich ist und die Wirklichkeit und Bewegung des Lebens der Wahrheit ausmacht. Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist; und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar [sich] auflöst, ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe.”

Die Bedeutung, dialektische Prozesse für die Beratung zu erkennen, wurde außerdem durch die Vorstellung einiger (anonymisierter) Beratungsverläufe erläutert.