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Der Entschluß, diesen Abend-Vortrag zu halten, wurde unumgänglich, nachdem ich eine der zahllosen Talk-Runden zu diesem Thema (mit Frau Ilgner als Moderatorin) gesehen hatte und miterlebte, was das von "Berufenen" gesagt, und vor allem, was von ihnen nicht gesagt wurde.

Und da ich meinerseits bereits wenig zuvor im Rahmen einer längeren Rundfunksendung (des WDR) zur Geschichte der "Achtundsechziger" einige Thesen gewagt hatte, lag es nun nahe, auch einen Freitag-Vortrag der Erinnerung daran zu widmen, vor allem aber der Frage: was von dieser Bewegung "geblieben" ist, was ihr "Erbe" ist.

Zum Inhalt des Vortrags:

Warum Achtundsechziger inzwischen „tief in der Vergangenheit” liegt, wie Henning Ritter gemeint hat. Das größte historische Ereignis, 1989, trennt uns von dieser kurzen Epoche.

Zur Frage, ob die Bezeichnung „Achtundsechzig” eigentlich korrekt ist - und warum nicht. Das späte Auftauchen dieses Namens (erst 1980), der seither vorwiegend polemisch gebraucht wird, als Bezichtigungsvokabel.

Inwiefern die Bezeichnung „Achtundsechzig” allenfalls für die Ereignisse im Mai 68 in Paris zutrifft, und was es mit diesen Mai-Unruhen auf sich hatte. (Das Attentat auf Rudi Dutschke am Ostermontag 68.)

Warum der Name „die Siebenundsechziger” eigentlich passender wäre: Die Ereignisse vom 2. Juni, die Tragödie Ohnesorg, der Ausbuch des 3. Israelisch-arabischen („Sechs-Tage”-) Krieges drei Tage später; die Spaltung der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland angesichts dieses Krieges. (BILD damals: „Ihr habt für Deutschland gesiegt!”)

Die historisch übliche Frage nach „Bedingungen und Voraussetzungen” der Achtundsechziger:

   Die politische Deutung: die große Koalition unter Kiesinger/Brandt sei Herbst 1966.

   Die Selbstdeutung vieler „Alt-Achtundsechziger”: Der Mief der sogenannten Adenauer-Zeit (die Gesellschaft der „vertuschten Biographien”, die „unaufgeräumten Lasten der Vergangenheit” usw.). Danach wären die Achtundsechziger als „Symptom” zu verstehen.

   Ein bemerkenswerter Einwand von Michael Naumann gegen diese (fast übliche) Auslegung der Geschichte: Das „Schweigen der Väter” habe wenig mit der sogenannten „Unfähigkeit zu trauern” zu tun, sehr viel aber mit Scham. „Sich zu schämen wurde dann als Verdrängung ausgelegt.” Naumann weiter: „Es war ein kostenloser Rausch, sich unschuldig am »Dritten Reich« zu fühlen.”

   Die Vorzugsdeutung: der Nietnamkrieg, der mit der TET-Offensive im Februar 68 in seine heiße Phase eintrat.

   Die verhängnisvolle Schweigeverpflichtung - zumal den kriegführenden USA gegenüber -, an die sich „die Väter” (und zum Beispiel sogar der damalige Vizekanzler und Außenminister Brandt) hielten.

   Die „Identifikation mit dem siegreichen Aggressor” (Freud) war für die Nachkriegsgeneration nicht mehr verpflichtend.

Warum ich mich nicht an der (sonst gewöhnlichen) kritischen Prüfung der Argumente beteilige, die in jener Art über die Achtundsechziger im Umlauf sind. So ließe sich die „Ableitung” der Achtundsechziger Bewegung aus der unverarbeiteten deutschen Vergangenheit mit dem Hinweis darauf entkräften, daß der SDS bereits 1962 in den USA gegründet wurde.

Die andere historische Frage nach den Achtundsechziger (etwa nach Ranke: „wie es wirklich gewesen ist”):

   Es gibt die nostalgisch-romantischen Nacherzählungen im Sinne der Revolutionsfolklore (wie sie beispielsweise der ewig „oben auf” befindliche Daniel Cohn-Bendit in der WAZ geboten hat und andere Revolutionsveteranen bieten).

   Es gibt die gemäßigt kritischen, die ernüchterten Geschichtsprotokolle von Spezialisten wie Wolfgang Kraushaar (den einer den „amtsführenden Archivar der deutschen Protestgeschichte” nannte. Das Motto ist da: Was gut, was schlecht war.

   Es gibt die „Vergangenheits-Aufarbeiter”, zu denen prominent heute Meister Götz Aly gehört mit seiner verkaufssicher angekündigten Abrechnung „Unser Kampf”. (Was Aly so alles einfällt zu den Achtundsechzigern.)

   Inwiefern Alys feuilletonbedienende These, wonach die Achtundsechziger eine Art Neuauflage der Nazis sind, von fern durch die andere, heute populäre Theorie bestärkt wird, wonach auch der Nationalsozialismus eine Jugendbewegung war.

Was mit den Achtundsechzigern ansonsten erinnerungswirtschaftlich veranstaltet wird.

   Man sucht sie in politik-moralischer Hinsicht zu beurteilen. Wobei selbstverständlich die heutige Gretchenfrage in Anschlag gebracht wird. So wird an die Aktivitäten des ehemaligen Kommunarden und „Tupamaros”-Mitgründers Dieter Kunzelmann erinnert (zumal an den vereitelten, für den 9. Nov. 1969 geplanten Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum.)

   Man fragt vor allem, womit man es bei den Achtundsechzigern überhaupt zu tun hat. Mit einer politischen Bewegung? Mit einer „kulturellen”? (Stichwort „Kulturrevolution”) Ging es um die Einführung neuer Lebensstile? Handelte es sich womöglich um eine ästhetische Revolte, die sich mit markigen Sponti-Sprüchen zur Sprache brachte? (Beispiele: „Phantasie an die Macht”, „Macht kaputt, was euch kaputt macht”, und als Agitationsplakat des SDS auf knallrotem Grund: „Alle reden vom Wetter, wir nicht”.
„Der Stein bestimmt das Bewußtsein”, „Mein Bauch gehört mir”, „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment”, „Trau keinem über dreißig”. In Italien: „Abasso tutto”!)

   Die These wird vertreten, die Apo sei die Fortsetzung der „Hippie-” und „Blumenkinder-Bewegung”, die allerdings bereits nach einem Jahr als säkular-religiöse Heilsbewegung verebbte und schon bald das legendäre Haight-Ashbury in eine Hölle verwandelt hatte, die Straßen voll mit Heroin-Junkies, die idyllischen Blumenläden hinter niedergelassenen Jalousien geschlossen.

   Es gibt die These, Achtundsechzig habe eine „Ent-Ernstung” der Politik eingeleitet. Danach wären die Loveparade und Christopher-Street-Day-Umzüge die Spätfolgen des Achtundsechzig eingeführten „Nonsens politischer Happenings”. Für diese Vermutung spricht die These, die Achtundsechziger hätten vor allem einen „psychodramatischen Wechsel von Verhaltensstilen” mit sich gebracht.

Womit ich bei der eigentlichen Frage nach dem Erbe der Achtundsechziger bin.

Was aus den damals intendierten Veränderungen wurde. (Zum Beispiel die „Demokratisierung” der Universität ...)

Hat der sogenannte Marsch durch die Institutionen „die Marschierer stärker verändert als die Institutionen”?

Einige irreversible Folgen der Achtundsechziger: Zum Beispiel das endgültige Verschwinden der ehemaligen Wertkonservativen.

Wie unterschiedliche Gegenwartseinschätzungen auch die Folge-Wirklichkeiten der Achtundsechziger in unterschiedlichem Licht erscheinen lassen. Beispiel: Oskar Negts Bilanzen.

Die Achtundsechziger und die „Frauenfrage”: Süssmuth und Merkel.

Die entscheidende Folge: die Entinstitutionalisierung von Staat und Gesellschaft.

Warum es im Blick darauf wichtig ist, wieder von der APO statt von den Achtundsechzigern zu sprechen.

Die heutigen NGOs als Achtundsechziger-Folge.

Die Regierung Brandt als Zwischenepisode.

Sloterdijks These: „Alle Wege von 68 führen letzten Endes in den Supermarkt.”

Die eigentliche Wirkung der Achtundsechziger bestand in Folgen, die von der Studentenbewegung gerade nicht gewollt wurden.

Inwiefern die APO letztlich der heutigen Moderne und der alternativlosen Macht der Wirtschaft zuarbeitete. („Mobilität und Flexibilität”, „Veränderung” als Hauptmotto, Antitraditionalismus, die Lockerung der Moral, der Kampf gegen alle Autoritäten.)

Inwiefern die APO dem heutigen Infotainement den Weg bereitete. Damals hieß der „kategorische Imperativ”: Diskussion! Heute haben wir die Talk-Shows.

Zu einer Anekdote des Johano Strasser.

Der damalige Busenprotest im Gerichtssaal und wie damals darauf in der Öffentlichkeit reagiert wurde. These: Dieser Ton ist heute nicht mehr denkbar.

Rückblick auf die damalige „semantische Bürgerkriegsfront”, wie sie sich in Überschriften der Springer-Presse zu Wort meldete. (»Eiterbeule«, »immatrikulierter Mob«, »akademische Gammler«, »behaarte Affen«”; verlangt wurde hartes »Durchgreifen«, »Abschieben«, »Ausmerzen«, oder noch wirksamer: »Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips lockerzumachen«. (nach Assheuer, ZEIT)

Das Wort eines ehemaligen RAF-Mitglieds: „Gottes Tod ist auch der Tod des Menschen.”

 




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