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Ein Unzeitgemäßer: Prinz Asfa-Wossen Asserate und sein Buch „Manieren”



Inhaltsübersicht:

Zum Eingang habe ich Grüße des Prinzen ausgerichtet.
Danach an die Sendung des „Philosophischen Quartetts” vom 29. April 2007 erinnert, in der es um den „Nutzen und Nachteil guter Manieren” ging. Prinz Asserate und Fritz J. Raddatz waren zu Gast bei Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski.
Was die Anspielung an den Nietzsche-Titel bedeutet.
In der Sendung: Unterscheidung zweier Menschenbilder, die sich der Wertschätzung der Manieren und ihrer Verachtung zuordnen lassen. Letzteres geht von Rousseau aus, wird von Robbespierre übernommen und triumphiert traurig in den politischen Exzessen Lenins und Stalins.
Das erstere geht von Hobbes aus, wird von Kant übernommen, von Schopenhauer schließlich radikalisiert. Diese Menschenbild, Grundlage aller Hochachtung vor den Manieren, weiß: der Mensch ist nicht gut.
So Asserate. Glänzendes Zitat: „Manieren sind das Parfüm, das vergessen läßt, daß wir stinken.”
Erinnert an das Diktum Becketts: Stil gleiche der „Krawatte über dem Kehlkopfkrebs”. Identität von Stil und Manieren.
Manieren als die vornehme Möglichkeit, „von unserer Hinfälligkeit abzulenken”.
Michael Scheier hat sich die Vorstellung dreier Kapitel gewünscht.
Zuerst „Über den schönen Schein”.
Zweifel an Asserates Vorschlag, Talleyrand als den anzusehen, der gewiß das „ultimative Buch über die Manieren” geschrieben hätte, wenn ihm die Zeit dazu geblieben wäre. Oder spricht es für die Hochachtung, die Talleyrand den Manieren einräumte, wenn er sagte:
„Diplomatie ist die Kunst, seinem verhaßten Nachbarn die Kehle durchzuschneiden, ohne ein Messer zu benutzen.”
Vielleicht sollten wir uns über die Manieren doch besser nicht von den Zynikern unterrichten lassen?
Inwiefern Asserate mit seinen Zitaten (oder seinen Lektoren) nicht immer Glück hat. Das falsche Goethe-Zitat am Beginn dieses Kapitels - und was damit verschenkt wurde. (Gemeint ist die Provokation des Baccalaureus aus dem 2. Teil des „Faust”: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.”)
Ich mache zwei Motto-Vorschläge für dieses schöne Kapitel:
„Die feine Lebensart schließt nicht immer Güte, Billigkeit, Gefälligkeit, Dankbarkeit in sich. Aber sie verleiht wenigstens den Anschein davon und stellt den Menschen äußerlich dar, wie er innerlich sein sollte.” (Jean de La Bruyère)
„Anmut ahmt die Schamhaftigkeit nach wie Höflichkeit die Güte.” (Joubert)
Als zweites Kapitel wünschte sich Michael Scheier „Das Komische an den Zeremonien”.
In der FAZ war im Bericht vom Besuch der Bundeskanzlerin beim Tenno eigentlich alles enthalten, was in diesem Kapitel vorgestellt wurde. An keinem Hof der Welt herrschen heute noch so strenge zeremonielle Vorschriften, wie am japanischen. Was das bedeutet. Warum sich die Kanzlerin dem fügt.
Was Asserate in diesem Kapitel als Chance verschenkt: Er berichtet von der Wichtigkeit, wer wem den Vortritt lassen müsse. Sein Beispiel, der Streit von Brünhild und Krimhild vor dem Münster in Worms. (Ich habe die Geschichte bei dieser Gelegenheit noch einmal erzählt ...)
Interessant aber ist doch vor allem, wie es dazu kommen konnte, daß sich „die Großen dieser Welt” heute darum streiten, wer wem den Vortritt lassen darf. Da hat sich etwas ins Gegenteil verkehrt. Was ist es und warum? Spekulationen dazu. Alle Moral läßt sich, einem Wort des Lévinas zufolge, zusammenfassen in den drei Worten: „Après vous, monsieur!”
Das dritte Kapitel, das gewünscht wurde: „Vom Umgang mit den Feinden”.
Inwiefern dieses Kapitel die Luft Nietzsches atmet. Es liest sich wie eine Variation des Aphorismus von Nietzsche:
„Die guten Vier. – „Die guten Vier. – Redlich gegen uns und was sonst uns Freund ist; tapfer gegen den Feind; großmütig gegen den Besiegten; höflich – immer: so wollen uns die vier Kardinaltugenden.” (Nr. 556 aus der „Morgenröte”)
Der Geist der Manieren kenne eher „das Vergessen” als „das Vergeben”. Differenz zur Religion.
Merkwürdiger Hinweis:
„Was”, fragt Asserate, wenn sich einer unserer Feinde „das Unerhörteste leistet und sich zu einer Entschuldigung entschließt? Dann sind wir schachmatt, denn eine Entschuldigung muß angenommen werden, im Okzident wie im Orient, nebenbei.”
Gilt offenbar nicht für alle im Okzident oder Orient ...
Asserates Hochschätzung gewisser Haltungen des alten Adels. (Kapitel „Der Adel in der Republik”)
Ein besonders ertragreiches Kapitel: „Die Manieren und die Religion” – das eigentlich hätte heißen müssen: „Die Manieren und die Religionen”, denn auf diesen Plural gerade kommt es an ...
Hier gibt es einen Anschluß an den Knigge vom vergangenen Freitag, der ebenfalls bereits die Religion aus der Gesprächen ausschließen wollte, die in die Gesellschaften gehören. Jetzt Asserate: Man habe in England „wahrscheinlich schon [in] den Tagen der Religionskriege zu der Übereinkunft gefunden, die Religion zu den verbotenen Themen in der gesellschaftlichen Konversation zu zählen, da immer einer anwesend sein könne, der sich durch die Behandlung religiöser Fragen so oder so verletzt fühlen würde.” Das feine Bonmot: „Ein Baptist kann kein Gentlemen sein” - und was es bedeutet.
Zu Jouberts Gedanken, die „eigentliche Schule der Manieren” sei die „katholische Liturgie” gewesen.
Asserates Unterscheidung eines „billigen” und „allzu leichten Verständnisses” von Toleranz und einer Toleranz, die „als beträchtliche moralische Leistung” Respekt verdient.
Unzeitgemäßes Plädoyer, den Ausschluß Fremder aus Gottesdiensten zu respektieren.
Kritik Asserates am Italienreisenden Goethe und seinem Betragen 1788 in der Sixtinischen Kapelle. Versuch, Goethe zu rechtfertigen.
These Asserates: Grundlage aller Manieren sei der Respekt, der wiederum in der Ehrfurcht seinen Grund habe. Ehrfurcht aber werde von der Religion eingeübt.
Dann der Grundsatz aller Hochschätzung der Manieren:
„Wer nicht imstande ist, in der Religion die Wahrheit zu erkennen, der kann sie um ihres Alters willen verehren. Das sehr Alte ist immer verehrungswürdig.”
Anderer Kernsatz:
„Das Es-sich-bequem-Machen ist der eigentliche Todfeind der Manieren.”
Lob für Asserate, der (so wenig wie Knigge) ein Mann der „Regeln” ist. Manieren hat nicht, wer Regeln befolgt, sondern über Urteilskraft verfügt.
Sein Bericht von der Bewirtung im Haus eines Industriearbeiters als Beleg dafür.
Voraussetzung guten Betragens ist die Sicherheit der Individualität.
Über sein Kapitel zur „Vulgarität”, die er als den Gegensatz zu den Manieren versteht.
Inwiefern Vulgarität kein „Klassenmerkmal”, sondern ein „moralisches Phänomen” ist.
Wieder hat Asserate wenig Glück mit seinen Bibel-Zitaten. Welcher Fehler ihm hier unterläuft, indem er aus dem Psalm 43 zitiert ...
Manieren verlangen das (selten gewordene) Vermögen, den „Rang” als „eine der geheimnisvollsten” und „am schwersten faßbaren Qualitäten” zu begreifen.
Asserates großartiges Zitieren des Dávila:
„Die guten Manieren bestehen aus der Übertragung der Umgangsformen gegenüber Höhergestellten auf den Umgang unter Gleichen.”
Er selbst hat die Bedeutung der Szene mit dem Nazarener richtig aufgefaßt: die Zurückweisung des Bedient-Werdens zugunsten des Bedienens.

Dazu, nebenbei bemerkt, habe ich einen Vortrag gehalten, der als Text bezogen werden kann: "Von den Vorzügen des Dienens".

Zuletzt zum ersten Kapitel: „Warum Manieren?”
Die wichtigsten und schwierigsten Fragen werden jedenfalls gestellt. Zum Beispiel: Wer entscheidet darüber, was Manieren sind, was nicht?
Asserates hübsche Sonderauslegung des (volkstümlichen) Satzes, wonach über Geschmack nicht zu streiten sei.
Eine Vermutung meinerseits, welchen Aphorismus Jouberts Asserate gemeint haben könnte:
„Die Zeremonien des Katholizismus machen den Menschen gleichsam geschmeidig für die Höflichkeit.”
Zuletzt: Inwiefern Manieren „Ehrensache” sind und was das heißt, da heute der Begriff der „Ehre” kaum noch gewürdigt werde.
 




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