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Freitag, 3. Mai 2002



Machiavellis "Fürst" und der "Antimachiavell" von Friedrich dem Großen



Hier die Textvorlage aus den "Alltäglichen Gedanken", Bd.2002:

Bergisch Gladbach, Montag, 29. April 2002

[...]
Zu Machiavelli also ...
Machiavelli ist der Mann der klugen Sentenzen. Gleich ein Beispiel aus seinem Brief an Francesco Vettori vom 10. August 1513:
„Wer sehen will, ob ein Friede auf Dauer ist und sicher, muß unter anderem untersuchen, wer damit unzufrieden ist und was aus dieser Unzufriedenheit entstehen kann.”
Aus der Einleitung Herfried Münklers (Machiavelli, Politische Schriften, S. 29): In Cesare Borgia habe Machiavelli gemeint, den Prototyp des Politikers gefunden zu haben, „der in der Lage war, die Umstände zu beherrschen, anstatt von den Umständen beherrscht zu werden”.
Münkler sieht scharf den entscheidenden Hintergrund: Machiavellis generelle Geschichtseinschätzung, „derzufolge der Fluß der Zeit nicht das Medium des Fortschritts, der Evolution, der Aufwärtsentwicklung ist, sondern das von Verfall und Niedergang, von Zerstörung und Korruption.” Also stünden für ihn „Zeit und Geschichte [...] fast immer im Gegensatz zu dem angestrebten Ziel. Es macht die Schärfe und Unerbittlichkeit vieler von Machiavellis politischen Ratschlägen aus, daß sie von der Geschichte keine Rückendeckung erwarten, sondern ihr frontal gegenübertreten. So ist in Machiavellis Sicht Reform nicht zu verstehen als Fortentwicklung, als Anpassung an veränderte, neue Zustände, sondern sie bedeutet - etymologisch übrigens korrekt - schlichtweg Rückführung zu Früherem, Wiederherstellung dessen, was ursprünglich gewesen ist. Politisches Handeln ist für Machiavelli darum zumeist gleichbedeutend mit dem Anhalten, zumindest Verlangsamen des Verlaufs der Zeit”. (35) Nur wenn die Verhältnisse gewissermaßen rettungslos verloren sind, plädierte er für die „Akzelerierung der Geschichte”, also für ihre Beschleunigung, damit die Krise so rasch wie möglich durchlaufen ist und überwunden wird. (vgl. 36)
Münkler erklärt, worin er das Neue Machiavellis sieht: „Das grundsätzlich Neue an Machiavellis politischer Theorie ist [...] seine prinzipielle Rechtfertigung einer technizistischen Politikbetrachtung sowie eine pessimistische Anthropologie, die bei ihm erstmals zu einer diesseitig begründeten Legitimation des Staates avanciert.” (37) „Technizistisch” sei seine Denkweise nicht zuletzt durch die vorrangige Beachtung der Umstände, vor deren Hintergrund erst bestimmbar sei, welches Handeln richtig sei. Grundsätze sind nicht mehr „allgemein” und „ewig” gültig, sondern lediglich bedingt, nämlich im Blick auf die jeweiligen Umstände. Erfolg ist der Maßstab. (vgl. 37)
Bedenklichkeiten und das humanistisch beliebte „Sowohl als auch” werden als Entscheidungsschwäche verschmäht, statt dessen auf Entscheidung gedrängt. Sich entscheiden und den geeigneten Augenblick nicht verpassen - lautet die Devise.
Oberster Imperativ: Die Erhaltung des Staatswesens. Dem wird alles andere untergeordnet. Später wird diese Logik als „Staatsräson” in Anspruch genommen.
Zu seiner skeptischen, wenn nicht pessimistischen Anthropologie macht Münkler eine feine Beobachtung: Hier werde nicht mehr auf die christliche Erbsünden-Lehre zurückgegriffen, sondern der Mensch sei das Problem durch die „Unendlichkeit seines Begehrens”, und weil seine Ansprüche prinzipiell nicht dauerhaft befriedigt werden können. Machiavellis Begriff dafür: „ambizione”. Der Mensch, seiner Begierden nicht mächtig, bedarf der Disziplinierung durch den Staat, was diesen rechtfertigt. (vgl. 38f)
Münkler zur Rezeptionsgeschichte: Die einen (Gentile, Spinoza, Rousseau) sahen in ihm die Verstellung, die insgeheim über die Machenschaften der Fürsten aufklärt - als erkläre er dem Volk die Fürsten, nicht dem Fürsten das Volk ... (40f)
Zweite Rezeptionsgewohnheit: Er sei nicht der Verursacher, sondern der Diagnostiker der Krankheit des Staates gewesen. So nimmt man dann Arztbilder zu Hilfe, um ihn lobend zu beschreiben. Hegel tat das, auch Ranke. (41f) Hegel: „... brandige Glieder können nicht mit Lavendelwasser geheilt werden; [...] der Verwesung nahes Leben kann nur durch das gewaltsamste Vorgehen reorganisiert werden”. (Verfassung Deutschlands)
Besonderes Interesse konnte Machiavelli in den jungen, sich erst bildenden Staaten (so Deutschland, so Italien) finden, da es ihm um die Erhaltung des einmal glücklich Gewonnenen ging.
Dritte Einschätzungsweise: Er ist Berater des Machtpolitikers. Schluß und aus. „Berater der Herrschenden, Theoretiker der Geheimpolizei”. (42)
Einiges zu den biographischen Hintergründen Machiavellis, angeregt durch Hans Freyers Darstellung im Vorwort zur Reclam-Ausgabe. Er wächst im Florenz Lorenzos des Prächtigen, des begabten Medici, auf, der 1492 stirbt. Krieg, Aufstand, Okkupation machen sich breit, Fremde (die Franzosen) werden im Gerangel um die Macht ins Land geholt, und während dessen ereignet sich in Florenz eine der sonderbarsten Revolutionen: der radikale Dominikaner Savonarola kommt an die Macht, der „unbewaffnete Prophet”, der eben deshalb (so Machiavelli) notwendig scheitert. 1498 wird der Eiferer, vom Papst exkommuniziert, von den Florentinern hingerichtet.
Jetzt beginnt Machiavellis praktisch-politische Karriere, die ihn 14 Jahre in der Republik Florenz auf dem Posten hält. Er ist zuständig für außenpolitische Fragen und das Kriegswesen. Mit Pisa wird (10 Jahre ergebnislos) Krieg geführt. Machiavelli sieht, der Grund liegt im Söldnerwesen. Er ist als Diplomat tätig, wenn auch nicht an erster, sondern zumeist zweiter Stelle, doch eben die gibt ihm Gelegenheit zu glänzenden Personen-Studien und Beobachtungen.
1502 erfolgt die entscheidende Begegnung mit Cesare Borgia, dem Papstsohn, der dabei ist, die Romagna zu erobern und den Kirchenstaat von allerlei Kleinfürsten zu säubern. Sein Ziel ist, in der Mitte Italiens einen größeren Staat mit der Hauptstadt Bologna zu gründen. Hier hatte er sein Studienobjekt. Und er sah auch gleich noch den Fall, denn 1503 stirbt der Papst, Cesares Vater, Alexander VI., und dessen Nachfolger fällt es leicht, den kranken Sohn seines Vorgängers zu Fall zu bringen, um seine eigenen Interessen durchzusetzen.
In Florenz, zur Zeit der Republik, ist Machiavelli politisch erfolgreich tätig, doch mit dem Fall der Republik, die sich den Spaniern ergeben muß, und mit der Rückkehr der Medici nach Florenz im Zuge dessen, ist seine Karriere beendet. Er wird auf sein kleines Landgut vor den Toren von Florenz verbannt, er ist aus dem Verkehr gezogen, lebt als Privatier. Und nun beginnt die Arbeit, die ihn berühmt machen wird: Er „unterhält” sich mit den Großen der Weltgeschichte und schreibt die ihm dabei zufallenden Gedanken auf. Daraus entstehen die Discorsi und der Principe. Immerhin schreibt er auch ein Lustspiel, Mandragola, das populär wird. Dennoch: Machiavelli ist Gelehrter wider Willen. Freyer dazu: „Und wenn er uns heute als der Schöpfer der neuzeitlichen politischen Wissenschaft gilt, just in dem Sinne, in dem wir in Galilei den Schöpfer der abendländischen Physik sehen, so müssen wir zunächst hinnehmen, daß diese Wissenschaft, was Machiavelli selbst betrifft, sehr wider Willen, man möchte sagen: durch höhere Gewalt, und in denkbar schlechter Stimmung geschaffen worden ist.” (Reclam 9f)
Was seine Biographie angeht, bleibt sie tragisch. Noch einmal, kurz vor seinem Tod, wird er in ein Amt gerufen, er hat die Mauern von Florenz zu sichern, doch die Medici fallen und er wird verdächtigt, mit ihnen gemeinsame Sache gemacht zu haben. Am 22. Juni 1527 stirbt er, 58jährig. Am 3. Mai 1469 ist er in Florenz geboren worden.
Hans Freyer gibt eine Übersicht über Machiavellis politisches Denken: Das politische Geschehen wird als wechselvoll erfahren, zugleich wird gesehen - denn Erfahrung gibt hier den Ausschlag - in aller Wirrnis gibt es typische, wiederkehrende Lagen, die sich mit Aussicht auf Erfolg meistern lassen. Wie weiß man davon (kann man davon wissen)? So wie ein Schachspieler den richtigen Zug kennt ... (12) Die vollkommene Politik wäre in diesem Sinne eine Kunst. Woher hat Machiavelli seine Erfahrung? Aus der Geschichte und seiner Gegenwart. „Die Geschichte ist die Lehrmeisterin für diese Technik des politischen Handelns.” (14)
Daß dies möglich ist, bedarf einiger Voraussetzungen. Die erste ist: Die Menschen bleiben sich im Wesentlichen gleich. „... in seinen Grundtrieben ist der Mensch immer der gleiche, besonders dort, wo er nach Macht strebt”. (Freyer)
Zweite Voraussetzung: Die politisch Handelnden wollen sich tatsächlich durchsetzen, wollen wirklich Herr der Lage sein. Wann immer andere Erwägungen diesem entschiedenen Willen in die Quere kommen, ist es um den angestrebten Erfolg geschehen. Darum seine Vorentscheidung: in der Politik seien alle Mittel recht. (15) „Politik ist [...] absoluter Kampf, das schlechthinnige catch-as-catch-can. Regeln des politischen Handelns aufzustellen hat demnach nur einen Sinn, wenn man sie auf der Basis aufstellt, daß alle Mittel gelten. Alles andere ist Utopie, Erdichtung des Staates, in dem es anders zugeht als in den wirklichen Staaten.” (15) Ihm geht es um die Gesetze der Wirklichkeit, nicht darum, ihr Gesetze vorzuschreiben. Es gibt im Blick auf den angestrebten Erfolg nur „taugliche und untaugliche Mittel”. (16) Alles andere ist Räsonnement.
Soweit - meint Freyer - die äußere und offenkundige Schicht seines Werkes. Doch es gebe eine „tiefere”, auf die er jetzt zu sprechen kommt.
Ein besonders spekulativer Begriff interessiert ihn, der Begriff der virtù, jener geheimnnisvollen, immer in der Welt anzutreffenden Kraft, die sehr ungleich verteilt sein mag, die sich manchmal hier oder dort konzentriert: dann blühen die Staaten auf und gedeihen die Reiche. Freyer: „Wo sie sich wegzieht, verfällt die Kraft des Herrschens, und die Staaten sinken dahin. Die virtù ist also das Ferment, das im menschlichen Wesen politische Binde- und Bildekraft hervorruft.” Ist sie nicht am Werk, „sind die Menschen nicht gerade schlecht, aber schwach, in allen ihren Handlungen halb, ohne Machtwillen, Wagemut und Eifer für große Ziele.” (17) In Machiavellis Italien, so seine damalige Einschätzung, sei sehr wenig von dieser Kraft zu sehen gewesen, woher die „Erbärmlichkeit des politischen Lebens” rühre, „die Ohnmacht und Zersplitterung”. (17)
Da habe Machiavelli, so Freyer, den rein „technischen” Blick auf die Politik hinter sich gelassen, da führe er Rang-, wenn nicht Wertunterschiede ein. Dabei ist zu beachten, daß virtù hier nicht die Tugend im moralischen Sinn ist, sondern eher Kraft, noch besser: Lebens-, Durchsetzungs-, Selbstbehauptungskraft. Wo in Völkern diese Kraft anzutreffen gewesen sei, hätten großer Dynastiegründer eine Chance gehabt: Romulus, Moses, Theseus, Lykurg, Kyros sind die Vorbilder. Freyer: Auch im Principe seien sie, „nicht Cesare Borgia und seinesgleichen”, die eigentlichen Helden.
Der Gegenbegriff zur virtù: fortuna. (19) Dazu wird alles gerechnet, was als Schicksal einwirkt und unserem Zugriff entzogen ist. Fortuna ist das Widerstrebende, Hinzunehmende, ist die Summe der Umstände. Vor allem ist sie unbeständig und unberechenbar. Was als Glücksumstand sich zu zeigen scheint, kann zum Verhängnis werden usw. Kurz: Es ist kein Verlaß auf das Glück. Fortuna ist nicht selten „heimtückisch. Sie ist Göttin und Ungeheuer zugleich”. (19)
Und unter Fortuna wird vieles subsumiert: auch noch die Zeitumstände, die es also in die Rechnung zu nehmen gilt, fallen darunter. (20) Es sei Machiavellis Prägung, von der qualità dei tempi zu sprechen. „Die Zeitalter haben gleichsam je ihre eigene Feinstruktur”. Daran hängt es, daß sehr unterschiedliche Verhaltensweisen zum Erfolg finden können. (20f)



Bergisch Gladbach, Dienstag, 30. April 2002

Freyer entwickelt einen Aufbau-Überblick des Principe, den ich meinerseits einmal übergehe, und widmet sich danach den Wirkungen des Werkes, wobei mir besonders die von ihm herangezogenen „Gegnerschaften” zu Machiavelli interessant zu sein scheinen - sie lassen sich vor allem aktualisieren ...
Der Vorwurf, der gegen ihn erhoben werde, laute, er habe „eine Denkweise eröffnet, in der das Politische das absolut herrschende Prinzip ist, keinem anderen Werte untertan, mit keinem auch nur konkurrierend, alle anderen übergreifend”. (29) Natürlich ist diese Einschätzung deshalb so bemerkenswert, weil wir gegenwärtig ein anderes Prinzip haben, das in diese Stelle eingerückt ist und ähnlich Schaden stiftet. Wenn ich seinen Einwand mit eigenen Worten zu fassen versuche, würde ich sagen: der Staat Machiavellis kannte keine Instanz mehr über sich. Daß es zu diesem „totalen” Staat kam, macht selbstverständlich Machiavelli Analysen interessant.
Übrigens seien es die Jesuiten gewesen, die zunächst gegen ihn mobil gemacht haben, da sie den Absolutheitsanspruch des Staates nicht akzeptieren konnten. Danach hätten die Protestanten und Hugenotten opponiert: „sie setzten gegen den absoluten Staat das Gewissen des einzelnen mit seiner ganzen Sprengkraft zur Wehr”. (30) Für diese grundsatzfesten Frommen war Machiavelli der „Rechtfertiger der Tyrannen”.
Der fürstliche Absolutismus habe sich zwar auch gegen Machiavelli ausgesprochen, andererseits aber sei unter seiner Herrschaft der entscheidende Begriff in Denkumlauf gekommen, der der Staatsräson. „Er besagt: jeder Staat hat ganz bestimmte Interessen, die sich einerseits aus der Notwendigkeit, seine Macht zu behaupten, andererseits aus seiner Stellung im System der anderen Mächte unverbrüchlich ergeben; an diesen Interessen, also weder an allgemein-verbindlichen Ideen noch an irgendwelchen traditionellen Bindungen hat sich das politische Handeln zu orientieren.” (30)
In diesen „Naturzustand” untereinander geraten inzwischen immer mehr die großen Wirtschaftsunternehmen, die um ihre Erhaltung kämpfen und dabei in Abhängigkeit geraten. Wenn nun noch festgestellt wird, die oberste Orientierung sei „das Interesse”, ziehen sich die Parallelen besonders zwanglos ... (30f)
Nach dem Absolutismus hätten sich vor allem die Theoretiker der französischen Revolution zu Machiavelli bekannt: Fichte zum Beispiel. (Er soll ein Werk über Machiavelli geschrieben haben, das ich allerdings nicht finde.)
Was hat Machiavelli in die Welt gebracht? Die große „Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten, die die Welt des Machthandelns beherrscht”. (31) Eben: Hier ist keine Freiheit!
Friedrich der Große habe das Richtige getroffen, wenn er geurteilt habe, Machiavelli habe seine Lehren großenteils an Fällen abgelesen, die „unterpolitisch” seien; woher die „Verwirrungen seines Urteils” kämen. (vgl. 32) Das ist im Gespräch mit der Wirtschaft brauchbar ... Große und echte Staaten von „säkularer Dauer” seien anders zu beurteilen.

Notizen bei der Lektüre des Principe

(Ich werde, nach Vergleich mit der Reclam-Ausgabe und der alten Übersetzung durch Johann Gottlob Regis (1842), die von der Digitalen Bibliothek gebracht wird, die Übersetzung von Ziegler und Baur, revidiert von Herfried Münkler, Fischer TB, benutzen.)
In der Widmung an den Medici (Lorenzo), dem damals tatsächlichen Herrscher von Florenz, beruft er sich auf Kenntnis aus Erfahrung: „die Welthändel unserer Tage und das Studium der Geschichte der Vorzeit” haben sie ihm verschafft. Außerdem sei er „durch die Schule des Unglücks” gegangen, was belehre. Und dann findet er eine prächtige Begründung für seine theoretische Einmischung in Fürstenangelegenheiten: man müsse „Fürst sein, um das Wesen des Volkes - und eine Mann des Volkes, um das Wesen des Fürsten kennenzulernen”. (51)
Leider ist das Übersetzungsproblem doch außerordentlich: Ich gebe nur ein Beispiel, hier den Schluß des 2. Kapitels:
Er spricht von dem alteingesessenen Fürsten, von dem er sagt, „wenn er durch ungewöhnliche Laster sich nicht verhaßt macht, so ist es der Vernunft gemäß, daß von Natur ihm die Seinen geneigt sind: und im Alterthum und der Dauer der Herrschaft erlischt das Gedächtniß der Neuerungen, sowie die Gründe zu denselben. Weil immer Eine Veränderung zum Anbau der nächstfolgenden gleichsam von selbst die Bezahlung nachläßt.”
(Soweit die alte Übersetzung. Jetzt Münkler:)
„Er wird [...] natürlicherweise von denselben [seinen Untertanen] geliebt, ja sie haben sogar eine gewisse Neigung zu diesem ihrem Landsmanne, wenn ihn denn nicht außergewöhnliche Laster noch verhaßt machen; denn Alter und Stetigkeit der Herrschaft löschen die Erinnerungen und die Gründe der Neuerungen aus, wohingegen eine Staatsveränderung stets die Kragsteine zum Aufbau einer anderen stehen läßt.” (53) [Der Kragstein ist der, der aus der Mauer hervorsteht, und auf den die Balken für die nächste Decke gelegt werden; ein tragender Stein also.]
Reclam: „... und wenn er sich nicht durch außergewöhnliche Laster verhaßt macht, ist es ganz natürlich, daß seine Untertanen an ihm hängen. Ferner hat die lange und ununterbrochene Dauer der Herrschaft den Gedanken an Neuerungen und die Anlässe dazu beseitigt: denn wird einmal eine Änderung vorgenommen, so bleibt stets eine Fuge im Gemäuer, die den Anlaß bietet zu weiteren Änderungen”. (36)
Doch zu den Gedanken, die sich anschließen lassen: Es ist zwar unbestreitbar, daß Machiavelli die neu erworbenen Herrschaften interessieren, doch sollte man sogleich einwenden: Er weiß die Traditionsherrschaft sehrwohl vorzuziehen und wertzuschätzen. Die aus einer Veränderung hervorgegangene neue Herrschaft lädt zunächst zu weiteren Veränderungen ein, das ist ihr Problem. Nachdenkenswert heute in der Wirtschaft.
III. Die Schwierigkeiten beginnen eigentlich erst mit oder für die „neu erworbenen” Herrschaften. Die Menschen, in der Hoffnung, sie verbesserten damit ihre Lage, haben gegen den alten Herrscher dem neuen beigestanden, und nun werden sie enttäuscht, da es ihnen jetzt noch schlechter geht. (53) Das ist sogar noch demokratietheoretisch zu gebrauchen, möchte ich meinen. Durch jede Eroberung der Herrschaft werde eine Gruppe von Menschen beleidigt und um ihre Privilegien gebracht, was sie notwendig gegen die neue Herrschaft einnehme. Was ist das Grunddilemma des neuen Herrschers? Er kann nie alle Erwartungen befriedigen, denn die sind notwendigerweise maßlos. Was ist hier - soviel erkennt Machiavelli sogleich - das eigentliche Problem? Das Volk! „Auch mit der stärksten Armee bedarf man der Zuneigung der Einwohner eines Landes, in welches man eindringen will.” (53) Ergo: Wie verschafft der Fürst sich Zuneigung und Anerkennung?
Es folgt hier bereits eine dieser Stellen, die viele Leser gegen Machiavelli aufgebracht haben werden. Er überlegt, wie sich zu verhalten sei, sofern ein neuer Herrscher die Macht in einem Lande übernimmt, dem er selbst in Sprache und Sitte verwandt ist. Dann genüge es, die alte Herrscherclique konsequent auszurotten, denn die Bevölkerung sei schon zufrieden, wenn sonst nicht viel geändert werde und alles beim Alten bleibe. Hauptsache: die Abgaben werden nicht erhöht.
Seine Ratschläge sind von brutaler Menschenkennerschaft und Skrupellosigkeit: Wer die Menschen, etwa durch die Einrichtung einer Kolonie, schädige, indem er sie beraube, dürfe ggf. damit rechnen, daß die Armen zu zerstreut und arm sind, ihn ihrerseits schädigen zu können. Überhaupt gelte, „daß man die Menschen entweder mit Freundlichkeit gewinnen” oder sie „aus der Welt schaffen” müsse, „denn wegen geringfügiger Kränkungen können sie sich rächen, wegen schwerer aber sind sie dazu außerstande. Beleidigt man sie aber, dann muß man es ihnen auch unmöglich machen, sich rächen zu können”. (55)
Grandiose Richtigkeit am Rande: Die gefährlichsten Feinde seien die „inneren”. (55)
Grundregel: Die Gefahren müssen rechtzeitig erkannt werden. Hier spricht er wie der Arzt: es sei damit „wie mit der Schwindsucht, die, nach den Aerzten, im Anfang der Krankheit leicht zu curiren und schwer zu erkennen ist, im Verlaufe der Zeit aber, wenn man sie anfangs nicht erkannt hat, leicht zu erkennen und schwierig zu curiren wird. So geht es auch in Regierungssachen: hat man die hier entspringenden Uebel von weitem erkannt (was nur dem Klugen gegeben ist), so heilt man sie bald. Läßt man sie aber, aus Richterkenntniß, erst wachsen bis sie ein Jeder erkennt, so ist keine Hülfe mehr dagegen.” (vgl. 56 - zum Teil verwende ich jetzt, der Bequemlichkeit wegen, die alte Übersetzung aus der Digitalen Bibliothek, verweise aber auf die Seitenzahl der Münkler-Ausgabe.)
Ganz falsch sei es, der Volksweisheit zu folgen, „kommt Zeit, kommt Rat”. „... denn die Zeit treibt alles vor sich her, und kann Gutes wie Böses, Böses wie Gutes in gleichem Maße mit sich führen.” (57)
Am König von Frankreich (Ludwig XII) führt er alle Fehler vor und resümiert dann: Die Eroberungslust sei zwar allen gemeinsam und finde in der Regel Lob. Ein riesiger Fehler sei es nur, dieser Lust nachzugeben, wenn man das Zeug dazu nicht habe. Dann mache man sich lächerlich. (58) Da meinten einige, der König habe so einen Krieg verhindert. Doch Machiavelli dazu kühl: „Man soll nie in etwas richtiger Berechnung Zuwiderlaufendes einwilligen, um einen Krieg zu vermeiden; denn man weicht demselben nicht aus, sondern schiebt ihn bloß zu eigenem Schaden auf.” (59) Israel ist Machiavellis Schüler heute -: und scheitert.
IV. Er erkennt die Probleme Frankreichs, die später in der Tat vom 14. Ludwig angegangen worden sind mit Erfolg. Da seien so viele Große, die, von Alters her angestammt auf ihren Herrschaften, sich beachtlicher Liebe ihrer Untertanen erfreuen, daß der oberste Herrscher stets auf sie angewiesen bleibe. Der spätere Ludwig fand dann den Ausweg ... Er stellt hier einen Vergleich Frankreichs mit dem Osmanischen Reich an: Letzteres sei gewiß schwer zu erobern, da es diese mittlere Schicht der Mitherrschenden nicht kenne, die man gegen die Zentralmacht aufbringen und für sich einnehmen könne. Also müsse man damit rechnen, wenn man das osmanische Reich angreife, es geschlossen und einig zu finden. Sei es aber einmal erobert, habe man auch freie Bahn und nichts mehr zu befürchten. (60)
Auch hier wird klar: Solche Überlegungen haben heute eigentlich nur noch Wirtschaftsführer nötig, die sich etwa mit dem Plan tragen, ein fremdes Unternehmen unfriedlich sich anzueignen. Da wird ähnlich zu schauen sein, werden sie sich sagen, wie die Machtverhältnisse in jenem Unternehmen aussehen. Denn darauf kommt es Machiavelli hier an: Wer ein Land erobern wolle, müsse damit rechnen, daß die Verhältnisse, die er vorfindet, erheblich zum erwartbaren Erfolg oder Mißerfolg beitragen.
V. Wer sich Republiken zu erobern vorgenommen habe, die bisher frei und nach eigenen Gesetzen gelebt haben, müsse sich darauf gefaßt machen, daß bleibender Widerstand ihm die Freude an der Herrschaft vereitle. Also gebe es nur einen Rat: Man muß diesen Staat zunächst vernichten, ehe man daran denken darf, ihn auszubeuten. (61f)
Von vorzüglicher Anstößigkeit ist seine Rede, indem sie den Willen des Herrschers als erstes und letztes nimmt. Wenn er die Vernichtung des Gegners nicht wolle, dann müsse er eben ... usw., so geht es. „Freie Völker [...] haben ein lebendigeres Gefühl, einen hellodernden Haß und glühende Rachsucht; nie erstirbt in ihnen das Gefühl ihrer früheren Freiheit. Daher ist es das sicherste, sie entweder zu vertilgen oder unter ihnen zu wohnen.” (62)
Ich gestatte mir zwischenzeitlich ein Geständnis: Nahezu finde ich es unerträglich, diesen Machiavelli zu lesen, heute mehr als je zuvor. Die pure und uneingeschränkte Klugheitslehre – rücksichtslos, brutal, unempfindlich, brillant darum in ihrer Klarheit – empört. Hier kann man in der Tat die Kälte des rationalen Kalküls studieren. Fällt womöglich etwas für das Buch davon ab? Haben wir hier nicht den einfachen Fall der simplen Unterscheidung von „richtig” und „falsch” ...?
Ich habe zwischenzeitlich Erholung nötig von diesem Machiavelli ...; also werde ich einige Blicke in Friedrichs „Antimachiavell” werfen.
„Machiavellis Fürst habe ich stets als eines der gefährlichsten Werke betrachtet, die auf der Welt Verbreitung fanden”. (5)
Weniges sei so schrecklich auf dieser Welt wie der „Mißbrauch souveräner Macht”, die „Verführung, die vom Thron ausgeht,” sei gewaltig und erfordere darum „mehr als gewöhnliche Tugend, um ihr zu widerstehen”. (6)
Schon im Vorwort geht er auf das beschwichtigende Argument mancher Machiavelli-Leser ein, wonach er nur beschrieben habe - als sei er der Verfasser einer Satire -, was die Fürsten tatsächlich tun. Dazu Friedrich: Das gebe es zwar, doch, Gottlob, die meisten seien anders. Das beste wäre es, bewahrte man nur die in der geschichtlichen Erinnerung, die Vorbilder gewesen seien. Dann hätten jene Leser (Machiavellis) nichts, worauf sie zur Bestätigung ihres Autors verweisen könnten. (7) Von den souverän Herrschenden verlangt der Preuße: „Gerechtigkeit, Klugheit und Güte”. Das läßt sich hören.
Zur Form: Friedrich nimmt sich vor, alle Kapitel, eines nach dem andern, begleitend zu kommentieren.
I. Im ersten bereits stellt er - das vielleicht wichtigste - heraus, daß Machiavelli nämlich von den unterschiedlichen Herrschaftsformen wie von Fakten ausgeht, anstatt gleich zu Beginn mit der Frage nach der Berechtigung von Herrschaft zu beginnen. Was vermag freie Menschen zu veranlassen, „sich Herren zu geben”? Das ist nun freilich auch ein wenig betulich ausgedrückt, und besser lautete die Frage wohl: Was mag sie veranlassen, Herren zu dulden und zu akzeptieren? Doch hören wir seine Antwort: Sie benötigen die Herren zu ihrer Ruhe und zur Erhaltung der Ordnung, sie benötigen Richter, die schlichten und entscheiden, und souveräne Machthaber, die „ihre unterschiedlichen Interessen zu einem einzigen gemeinsamen Interesse zusammenschließen”. (8) Auch hier wären wir heute vorsichtiger und würden es dabei belassen zu sagen, Interessen, die divergieren, müßten zueinander in erträgliche Beziehungen gebracht, also „ausgesöhnt” werden.
Er folgt sein Lieblingsgedanke: „der absolute Herr über die Völker” sei „nur ihr erster Diener”. (9)
Wie gelange nun ein Herr zu seiner Herrschaft? Durch Thronfolge, durch Wahl oder „durch Eroberung von Provinzen aus Feindeshand in einem gerechten Krieg”. Na ja ... (9)
II. Hier macht er, ohne es womöglich zu bemerken, insgeheim Zugeständnisse an Machiavelli, indem er gegen ihn mit dessen Grundsatz rein funktionaler Argumentation operiert. So sei die Herrschaft am sichersten, wenn die Bürger den Fürsten liebten usw. An den Holländern lasse sich studieren, was zu befürchten sei, wenn sie (wie von den Spaniern) in eine Lage gebracht seien, daß sie gar nicht unglücklicher werden können, als sie es ohnehin schon sind. (10) Die fürstliche Lehre daraus: Treibe ein Volk nicht zum Äußersten!
III. Ich kann nicht anders, ich muß den guten Friedrich im Bezug auf die heutigen großen Hansen lesen ... Sie eroberten sich riesige Gebiete, sagt er, doch wozu? Sie überblickten gar nicht mehr, was sie sich da zusammengerafft haben. Und ihre wahre Kleinheit käme jetzt erst recht zum Vorschein. Dann aber, was nachdenklich macht: Er greift eine besonders infame Empfehlung Machiavellis auf und schließt an: „Kann man derartige Anweisungen lesen, ohne vor Entsetzen und Empörung zu schaudern? Das hieße, alles, was auf der Welt heilig ist, mit Füßen zu treten; das hieße, dem Eigennutz den Weg zu allen Verbrechen freizugeben.” (12) Ja - da liegt womöglich das Problem. Wie, wenn es auf der Welt Heiliges nicht mehr gebe? Wie wollten wir dann protestieren? Könnte das Vorbild, das unberechnete Rechttun, an die Stelle des verlorenen Heiligen treten, mit der Chance, es neu augenfällig und einleuchtend zu machen?
Im übrigen argumentiert Friedrich sehr einfach, überzeugend und richtig damit, daß eben der alleinigen Handlungsabsicht Erfolg gerade kein Erfolg beschieden sei, zumindest nicht auf lange Frist. Ein Beispiel nach dem anderen führt er an: die von Machiavelli so sehr gelobten Usurpatoren seien allesamt kläglich zugrunde gegangen, nicht selten von jenen Waffen niedergeschmettert, die sie gegen die andern erhoben hätten. (12f) Sein berechtigtes Verfahren: hier werden Erfahrungen gegen vermeintliche Erfahrung aufgeboten.
Was Friedrich der Große damals sah, gilt heute. Auch die Wirtschaft wird lernen müssen: Fressen und Gefressenwerden ist das härteste und dümmste „allgemeine Gesetz”, das sich ausdenken ließ. Solche angebliche Klugheit gönnt Überlegenheit allenfalls für eine kurze Frist, längerfristig ist sie Dummheit.
Durchgängig ist seine Einsicht: Machiavelli schaue zu kurz. Auch was er von den Römern lobend erwähnt habe, sei mißverstanden. Friedrich der Große: Im Blick auf die Praxis der Römer, Kolonien anzulegen, habe Machiavelli das wichtigste übersehen: „... er bedenkt nicht, daß bei allen Kolonien und Legionen die Römer es auch verstanden, sich Verbündete zu schaffen. In den glücklichen Zeiten der Republik waren die Römer die schlauesten Räuber, die je die Erde heimgesucht haben; sie erhielten sich mit Klugheit, was sie sich unrechtmäßig aneigneten, doch schließlich widerfuhr diesem Volk, was mit jedem Usurpator geschieht: es wurde seinerseits unterdrückt.” (13) Recht so, so muß man reden! Und ein schönes Bild zuletzt: „Will man die Kunst des Argumentierens gegen das Wohl der Menschheit kehren, heißt das, sich mit einem Degen verwunden, der uns nur zu unserer Verteidigung gegeben ist.” (15)
Das entscheidende Argument, noch einmal, lautet: Machiavell ist kurzsichtig. Das aber ist seit jeher der Einwand aller wirklich klugen Leute.
Übrigens ist Friedrich sogar witzig: Da Machiavelli die verschiedenen Völker verglich, vergleich auch der König. Da fällt die Bemerkung: „ein Franzose hat so wenig Ähnlichkeit mit einem Holländer wie die Lebhaftigkeit eines Affen mit dem Phlegma einer Schildkröte.” (16) Wenn nun Machiavelli untersuche, warum sich in Frankreich die Herrschaft als so labil erweise, übersehe er auch hier womöglich das Entscheidende, und das sei der bestimmte Charakter dieses Volkes, das zur Unbeständigkeit neige: „Leichtfertigkeit und Unbeständigkeit machen den Charakter dieser liebenswerten Nation aus; die Franzosen sind unstet, ungebunden und sehr geneigt, alles langweilig zu finden; ihre Vorliebe für Veränderungen hat sich bis in die ernsthaftesten Angelegenheiten hinein bemerkbar gemacht.” (17) So etwas gerate leicht ins Unruhestiften und Revolutionieren. (Eine weitere hübsche Charakteristik der Franzosen und Frankreichs folgt: man hört einen aufgeklärten Germanen ... )
V. Wie ist es, wenn Friedrich erklärt, er wolle gar nicht von Menschlichkeit reden und nicht von Moral, wenn er dieses Buch vor sich habe: „man kann Machiavelli mit seinen eigenen Argumenten schlagen: mit der Selbstsucht, der Seele seines Buches, jenem Gott der Politik und des Verbrechens”? (19) Kann man oder muß man? Etwa, weil andere Argumente nicht stark genug gemacht werden können? Sollte es leicht sein, die Moral „ins Feld zu führen”, falls sie sich überhaupt „ins Feld führen läßt”? Machiavellis Logik, ein freies Land, das man nicht unterjochen könne, müsse man eben vernichten, um sich seiner sicher zu sein, erinnere ihn an den Engländer, der Selbstmord verübte, um niemals krank zu werden ... Sonst möchte Friedrich dem Italiener ersichtlich nicht nachstehen, oder hört man etwa nicht den Ton des Florentiners durch, da er erklärt: „Wenn die Boshaftigkeit Machiavellis Schaudern erregt, erweckt seine Argumentationsweise Mitleid”? (20)
Ein reizvolles Programm wäre, die Wirtschaft gleich doppelt aufzuklären, zuerst mit Machiavelli, danach mit Friedrich dem Großen. Was würden die Herren wohl zu folgender, antimachiavellistischen Doktrin sagen?
„Töricht, wie wir sind, wollen wir alles erobern, als ob wir die Zeit hätten, alles in Besitz zu nehmen, und als ob unser Dasein unbegrenzt wäre. Unsere Zeit eilt zu rasch dahin, und oft geschieht es, daß man für unwürdige, undankbare Nachfolger schafft, wenn man denkt, nur für sich etwas zu schaffen.” (21)
Nun werde ich aber doch, bevor ich Friedrichs großartige Antworten zur Kenntnis nehme, zunächst das nächste Kapitel im Principe selbst lesen.
VI. Was ihn im 6. Kapitel interessiert, sind die neu gegründeten Herrschaften, wie sie von Moses, Romulus, Theseus, Kyros geschaffen wurden. Sie bedurften selbstverständlich einerseits der günstigen Gelegenheit, andererseits, ebenso selbstverständlich, gehöriger Tüchtigkeit, die Gelegenheit auch zu nutzen. Beispiel: „Es war erforderlich, daß Cyrus die Perser erbittert über die Herrschaft der Meder und die Meder durch den langen Frieden erschlafft und verweichlicht fand.” (64, hier nach Reclam S. 54 zitiert) Da meldet sich übrigens ein hoch wirksamer Topos: langer Friede verweichlicht und läßt die Bürger wie die Herren erschlaffen.
Um den aufregenden Schock verständlich zu machen, den die Lektüre Machiavellis seinen Lesern verschafft, ist vielleicht die folgende, übrigens typische Wendung geeignet: die Frage sei, ob der Herrscher „bitten muß oder Zwang ausüben kann”. (64) Eine bemerkenswerte Zusammenstellung - oder wäre nicht jedermann geneigt, die Verben genau andersherum zu verteilen: bitten dürfen oder Zwang ausüben müssen? Eine seiner berühmten Maximen:
„Daher haben alle bewaffneten Propheten gesiegt, während die unbewaffneten zugrunde gingen.” (64) Ist das wahr? Wäre es nicht reizvoll, die Geschichte einmal durchzumustern, ob sie ihm Recht gibt? Er meint hier das Schicksal des Savonarola, das ihn nur deshalb ereilt habe, weil er sich nicht die Machtmittel zu beschaffen verstanden habe, die ihm erlaubt hätten, seine Leute zum Glauben zu zwingen und die Zweifler zu unterwerfen. Sind wir nun Idealisten, wenn wir meinen, Savonarola sei soundso zum Scheitern verurteilt gewesen? Ist die Erklärung für seinen Untergang wohl wirklich die „Unbeständigkeit der Menschen”, die man wohl leicht überreden, aber nur schwer im Glauben erhalten könne?
Ich will sehen, was Friedrich der Große mit dem Kapitel anfängt.
VI. Friedrich beginnt mit einer allgemeinen Reflexion über die Leidenschaften: „Mäßigt man sie, so sind sie die Seele der Gesellschaft; doch zügelt man sie nicht, bewirken sie deren Zerstörung”. (21) Die schlimmste unter allen - in ihrer Wirkung auf die Gesellschaft - sei der ungebremste Ehrgeiz, die Ruhmsucht. Die Privatperson, die davon heimgesucht werde, sei mehr „armer Teufel als ein Narr”: Unempfindlich für die Gegenwart lebe so einer „nur in künftigen Zeiten”, nichts könne in zufriedenstellen, „und der Wermut des Ehrgeizes mischt seine Bitterkeit immerzu unter die Wonnen seiner Freuden”.
Beachtlich: Friedrich der Große erwähnt hier unter den großen Gründern, die Machiavelli übersehen habe, die Jesuiten in Paraguay, von denen er sagt: „sie mögen mir erlauben, ihnen hier ein Plätzchen zuzuweisen, das ihnen nur zum Ruhm gereichen kann: ich möchte sie nämlich zu den Gesetzgebern rechnen.”
Die Geschichte Paraquays könnte ein prächtiges Exempel sein, aus dem sich die Argumente für oder wider Machiavellis Thesen ableiten ließen. Hier ein Auszug aus dem kleinen Artikel im Brockhaus („Paraquay”):

„Geschichte: Das 1537 von Spanien gegründete Asunción wurde Kolonisationsmittelpunkt des oberen La-Plata-Gebietes. 1609 errichteten die Jesuiten bei den Guaraní-Indianern Missionsstationen (Reduktionen), aus denen am Mittellauf des Uruguay und Paraná der Jesuitenstaat entstand. Obwohl ohne geschlossenes Territorium, brachten es die Reduktionen durch Anpassung an die Sitten der Guaraní und einen hohen Organisationsgrad zu wirtschaftlichem Wohlstand. Nachdem 1767 die Jesuiten vertrieben worden waren, wurden die Reduktionen unter Zivilverwaltung gestellt und verfielen allmählich. 1811 erklärte sich Paraguay unabhängig und bildete unter dem Diktator J. Francia (1814-40) einen wirtschaftlich und politisch isolierten Freistaat. Unter Francias Nachfolger C. A. López öffnete sich das Land wieder ausländischem Einfluss und Kapital. Sein Sohn und Nachfolger F. S. López suchte im Krieg gegen Argentinien, Brasilien und Uruguay das Land aus der Umklammerung durch diese Länder zu befreien und einen Zugang zum Meer zu gewinnen. Doch Paraguay wurde wirtschaftlich völlig vernichtet (nur ein Fünftel der Bevölkerung überlebte, ein großer Teil des nutzbaren Territoriums ging verloren); es konnte sich erst im 20. Jahrhundert wieder erholen. Im Ersten Weltkrieg blieb Paraguay neutral. Nach dem Chacokrieg gegen Bolivien (1932-35) erhielt Paraguay im Friedensvertrag von Buenos Aires (21.7.1938) den größten Teil des umstrittenen Chaco zugesprochen. In der Folge des Krieges wurden die Militärs zur beherrschenden Macht; einflussreichste Partei war die National-Republikanische Vereinigung (ANR). Die Verflechtung zwischen diesen beiden Kräften wurde immer enger, bis 1954 General A. Stroessner nach einem Putsch als Armee-Oberbefehlshaber und ANR-Parteichef das Präsidentenamt übernahm. 34 Jahre lang übte er die Regierungsgewalt diktatorisch aus, formal alle fünf Jahre durch Wahlen bestätigt. Am 3.2.1989 wurde er durch einen blutigen Putsch gestürzt, Präsident wurde General A. Rodríguez (ANR, gewählt am 1.5.1989). Dieser leitete einen Demokratisierungsprozess ein: Am 1.12.1991 wurde eine verfassunggebende Nationalversammlung gewählt, gleichfalls mit Mehrheit für die ANR. Die neue Verfassung, die 1992 in Kraft trat, beschnitt die Rechte der Militärs deutlich. Am 10.5.1993 fanden unter internationaler Beobachtung Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt; da sich die Opposition nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten geeinigt hatte, wurde der Vertreter der ANR, J. C. Wasmosy, zum Präsidenten gewählt. Ein versuchter Militärputsch von General L. Oviedo im April 1996 endete zwar mit seiner Verhaftung und Verurteilung, doch wurde er auf Veranlassung des 1998 gewählten Präsidenten R. Cubas Grau (ANR) amnestiert. Als der Präsident der Forderung des Parlaments, den General wieder festzusetzen, nicht nachkam, wurde ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet. Um dem zuvorzukommen, trat Cubas Grau im März 1999 zurück. Begleitet waren diese Ereignisse von heftigen Unruhen in Asunción, die erst ein Ende fanden, als das Parlament Senatspräsident L. González Macchi (ANR) zum Präsidenten ernannte. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, v. a. die ausbleibende Landreform, führen aber immer wieder zu neuen Unruhen.” Man muß das einmal in dieser Kurzzusammenstellung lesen, um sich ein Bild davon zu machen, worum es eigentlich geht in diesem Streit zwischen Machiavelli und Friedrich dem Großen ...

Mit begrüßenswerter Gegenwärtigkeit führt Friedrich gegen Machiavelli ins Feld, er habe sich allzu leichtfertig vom Ehrgeiz der großen Eroberer blenden lassen, er versuche zu suggerieren, alle diese entschlossenen Ehrgeizlinge seien auch zum Erfolg und ans Ziel gelangt. Davon aber könne gar nicht die Rede sein!
Friedrich:
„Wenn der Ehrgeiz auch einige Menschen ans Ziel führt, vernichtet er doch die meisten.” (23) Und dann fährt er eine Phalanx gescheiterter Figuren auf, die Opfer ihrer Entschlossenheit wurden - nicht zuletzt übrigens Religionsstifter wie die zahlreichen Juden, die von sich behauptet hatten, sie seien der gesandte Messias. (23) Und dann weiß er sich auch noch auf die eleganteste Weise einschränkend zu Mose zu äußern (lesenswert).
Im Anschluß daran wird bündig entschieden: Man könne von diesen Reichsgründern ja denken, wie man wolle, doch eines bezweifele er, daß man sie nämlich „tugendhaft” nennen dürfe. Es folgt die gewichtige Alternative:
„Mut und Geschick finden sich ebenso bei Straßenräubern wie bei Helden; der Unterschied zwischen beiden Gruppen besteht darin, daß der Eroberer ein berühmter Dieb ist und daß der gemeine Dieb ein obskurer Schuft ist; der eine bekommt den Lorbeerkranz als Lohn für seine Gewalttaten, und der andere den Strick.” (24)
Ein prächtiger Satz: „Möge Cesare Borgia das Vorbild der Machiavellisten sein, meins ist Marc Aurel.” (25)
Da hat er auch sogleich jenen Namen genannt, der jetzt, in Machiavellis 7. Kapitel, eine vorzügliche Rolle spielen wird. Es ist gewissermaßen das „Borgia-Kapitel”...
Also auch hier zunächst wieder der Florentiner:
VII. Hier wird für die Erwerbung eines Fürstentums durch fremde Waffen und Glück das ewige Beispiel des Cesare Borgia aufgestellt, der vor allem eines verstand, nämlich alle Mittel zu seinen höchst eigenen Interessen einzusetzen und sich zumal keine Skrupel zu leisten. Was hat denn dieses Prachtstück von Usurpator, dieser sonderbarste Papstsohn, so großartig verstanden? Er besaß die „Verwegenheit”, die Menschen entweder zu gewinnen oder zu vernichten, (71) sich zu verstellen, List und Tücke als Mittel zur Durchsetzung seiner Interessen zu nutzen, grausam zu sein und berechnend. Schade nur, daß kurz bevor er es geschafft hatte sein päpstlicher Vater starb und er selber todkrank wurde ...
Machiavelli: „Wenn ich alle Taten des Herzogs zusammenfasse, so wüßte ich nichts an ihm auszusetzen, vielmehr kann man ihn füglich [...] für alle als Vorbild hinstellen, die durch Glück und fremde Waffen zur Herrschaft gelangt sind. Denn bei seinem hohen Sinn und seinen großen Absichten konnte er unmöglich anders handeln; und das einzige, was seine Pläne zunichte machte, war die kurze Lebensdauer Alexanders und seine eigene Krankheit. Wer also lernen will, in seinem neu begründeten Fürstentum mit seinen Feinden fertig zu werden, sich Freunde zu verschaffen, durch Gewalt oder List den Sieg zu erringen, die Liebe und den Respekt seiner Untertanen, die Treue und Ergebenheit seiner Soldaten zu gewinnen, alle zu vernichten, die Macht oder Anlaß haben, ihm zu schaden, die alten Ordnungen umzuändern, streng und beliebt, großherzig und freigebig zu sein, ein treuloses Heer aufzulösen und ein neues zu schaffen, sich die Freundschaft von Königen und Fürsten zu erhalten, so daß sie ihm bereitwillig dienen oder doch ungern schaden - der kann keine näherliegenden Beispiele finden als die Taten Cesare Borgias.” (64f in Reclam-Ausgabe)
Er hatte den Grundsatz beachtet: „... die Menschen werden zu Feinden aus Furcht oder Haß”. (65)
Bevor ich nun dem großen Friedrich zuhöre, möchte ich zunächst einschieben: eigentlich alle großen Tyrannen sind nach diesen Grundsätzen verfahren, im eben vergangenen Jahrhundert noch Stalin und Mao, um die Gewaltigsten zu nennen und von kleineren Diktatoren (wie dem Rumänen) einmal abzusehen. Und, im Sinne Friedrichs ... - wo sind sie geblieben?
Doch jetzt Friedrich der Große selbst:
VII. Zuerst, wie zur Einstimmung, urteilt er moralisch: Was sieht man da? „Ruchlosigkeit, Tücke, Falschheit, Verrat, [...] mit einem Wort: ein Scheusal; selbst die Hölle hätte Mühe, es hervorzubringen”. (26) Er führt alle Verbrechen des Cesare auf - nein, alle, das geht nicht, es waren zu viele -, und resümiert dann: „Die Gutgläubigkeit der Menschen zu mißbrauchen, infame List anzuwenden, Verrat zu üben, meineidig zu werden, zu töten - das alles nennt der Doktor der Ruchlosigkeit Klugheit. Aber ich frage, ob es von menschlicher Kunst zeugt, vorzuführen, wie man Vertrauen mißbrauchen und wie man meineidig werden kann. [...] Gebt Ihr ein Beispiel für Verrat, so fürchtet, selbst verraten zu werden; gebt Ihr eins für Mord, so fürchtet die Hand Eurer Anhänger!” (27) So, faßt er alles zusammen, setze man sich „kaltblütig dem Haß der Menschen” aus. (29)
Und nun wieder der „Doktor der Ruchlosigkeit”? Was für ein Kapitel hat er sich jetzt vorgenommen? Er will jene Fürsten untersuchen, die durch Verbrechen an die Macht gekommen sind. Nanu? Man könne es zwar kein „Verdienst” nennen, „wenn einer seine Mitbürger niedermetzelt, seine Freunde verrät, Treue, Glauben und Gottesfurcht nicht kennt. Auf diese Art kann man wohl Macht erwerben, aber keinen Ruhm.” (Reclam 67) Aber: Eben darum, nämlich die Macht zu erlangen und zu erhalten, geht es ja. Und zu diesem Zweck weiß Machiavelli Rat, der ihn noch heute populär sein läßt. Er will nämlich die Grausamkeit nicht moralisch beurteilen (gar verurteilen), er will lediglich unterscheiden, wie man klug und wie man unklug grausam ist, also ob Grausamkeit (als Mittel) „gut oder schlecht angewandt” wird. (Reclam 70) Schlecht seien vor allem die Grausamkeiten, die „zwar im Anfang gering an Zahl sind, mit der Zeit aber eher zunehmen als verschwinden”. (70) Und jetzt sein Rat: „Gewalttaten muß man alle auf einmal begehen, damit sie weniger erbittern. Wohltaten dagegen muß man nach und nach erweisen, damit sie nachhaltiger wirken.” (71)
Nun, da es bereits spät ist, will ich Friedrich nur noch zu diesem Kapitel sprechen hören; dann soll Schluß sein für heute.
VIII. „Von denen, die durch Verbrechen Fürsten geworden sind ...” - Friedrich begnügt sich eingangs, auf den Titel zu verweisen, der in der Tat bereits empört. Und dann imitiert er den Italiener ironisch: „Will man also ein kluger Barbar und konsequenter Tyrann sein, muß man diesem Politiker zufolge mit einem Schlage alle Gewalttaten und alle Verbrechen begehen, die man für seine Interessen von Nutzen glaubt.” (31)
Vor allem aber schließt er die Gewißheit an, daß die Scheusale eben das Glück und die Sicherheit nicht finden, die Machiavelli ihnen unterstellt: Sie gerieten in die Fänge ihres Gewissens, verfielen der dunklen Melancholie, und zuletzt seien sie oft die Opfer derselben Ränke geworden, die sie gegen ihre Gegner geschmiedet hatten. Er führt Beispiele an.
Nur eines vereine die Menschen: die Tugend, an der deshalb auch alles gelegen sei. Ja, er hat Recht. Nur: Was lehren wir heute?


Bergisch Gladbach, Maifeiertag, 1. Mai 2002

Was den schrecklichen Machiavelli interessant und aufregend macht, sind seine Widersprüche. Die kommen zumal im jetzt anstehenden IX. Kapitel zutage, das vom „Volksfürsten” handelt. Soll man es nach allem, was bisher zu lesen war, überhaupt für möglich halten, daß er hier eingangs drei denkbare politische Formen nebeneinander stellt, „Alleinherrschaft, Freiheit und Anarchie”, und keinen Zweifel daran läßt, daß ihm eigentlich nur die Freiheit als Form des Politischen überzeugt? Was denkt man nur von Sätzen wie die folgenden:
„Das Verlangen des Volkes ist berechtigter als das Verlangen der Großen, da diese auf Bedrückung ausgehen, das Volk aber nur auf Schutz vor Bedrückung.” (Reclam 72)
Was also rät er dem Fürsten? Sich eher noch ans Volk als an die Großen zu halten:
„Es ist eine Notwendigkeit, daß der Fürst immer mit dem nämlichen Volke leben muß; in bezug auf die Großen ist dies nicht der Fall; diese kann er nach Willkür erheben und stürzen, erhalten oder ausrotten.” (Münkler 77)
Und sogar:
„Ich will nur soviel sagen, daß ein Fürst das Volk zum Freund haben muß, sonst ist er im Unglück ohne Hilfe.” (Reclam 74)
„Daher muß ein kluger Fürst es so einzurichten verstehen, daß seine Bürger stets und in jeder Lage den Staat und ihn selbst nötig haben: dann werden sie stets treu sein.” (Reclam 75)
Auch hier denke ich: Was mag einem modernen Wirtschaftsführer durch den Kopf gehen, der das liest? Wird er die Empfehlung Machiavellis nicht auf seine Verhältnisse im Unternehmen übertragen und sich fragen, ob es gut ist, nur oder in der Hauptsache mit seinem Management zu verkehren, hingegen die Belegschaft - wie es sinnigerweise heißt - zu ignorieren? Wie wäre es, wenn er sich vor allem bei den Arbeitern und Angestellten „beliebt” machte: wären die nicht die Treueren als die Karrieretypen, die nur an sich selber denken und bei erster sich bietender Gelegenheit auf und davon sind ...?
Ich will mir ansehen, was uns der angehende König zu diesem Kapitel zu sagen weiß.
Unklar ist offenbar, wie Machiavelli korrekt zu übersetzen ist. Reclam: „IX. Vom Volksfürsten”, Münkler: „IX. Von der Alleinherrschaft eines Bürgers”, Friedrich: „IX. Vom republikanischen Staat”. Nun, Friedrich beginnt mit einem Bild, das er sich bei Rousseau ausgeliehen hat: Jeder Mensch empfinde das Bedürfnis nach Freiheit, „denn da wir ohne Ketten geboren werden, beanspruchen wir, ohne Zwang zu leben”. (33)
Was Machiavelli anlangt, reagiert auch Friedrich zunächst erstaunt: dieses Kapitel sei „fast der einzige Fall, in dem er nichts dagegen hat, wenn man ein anständiger Mensch ist”. Hier aber hat nun der zukünftige König seine Bedenken ... Leider habe man schon mehrere Republiken „im Laufe der Zeiten in den Despotismus zurückfallen” sehen, womöglich sei dies sogar ein „unvermeidbares Unglück, das sie alle erwartet”. (33)
Warum? „Dem republikanischen Geist, der auf einem Übermaß an Freiheit besteht, ist alles verdächtig, was ihm Fesseln anlegen könnte, und er empört sich bei dem bloßen Gedanken an einen Gebieter.” (33) Hier haben wir die alte Zuordnung, wie wir sie seit Platon kennen: Unbegrenzte Freiheit führe zur Anarchie.
Ich erachte die nachfolgende Passage fürstlicher Bedenklichkeit für so bemerkenswert und (zumal heute, da uns die Demokratie zur Selbstverständlichkeit geworden ist) heilsam abweichend vom üblicherweise Gedachten, auch scheint sie mir so viel Menschenkenntnis zu destillieren, daß ich sie in ganzer Länge hier einschieben möchte. Also aus Friedrichs Einschätzung der Chancen republikanischer Bürgerordnungen:
„Denn wie sollte eine Republik immer und ewig allem widerstehen können, was ihre Freiheit aushöhlt? Wie sollte sie immerwährend den Ehrgeiz der Großen im Zaume halten, den sie in ihrem Schoße nährt? Wie sollte sie auf die Dauer mit Erfolg über die Verlockungen und versteckten Praktiken ihrer Nachbarn und über die Verderbtheit all ihrer Glieder wachen, solange der Eigennutz bei den Menschen allmächtig ist? Wie kann sie erhoffen, stets glücklich aus den Kriegen hervorzugehen, die sie durchzustehen hat? Wie kann sie Konstellationen vorbeugen, die für ihre Freiheit zum Verhängnis werden, wie jenen kritischen und entscheidenden Augenblicken zuvorkommen und den Zufällen, die den Verderbten und den Waghalsigen günstig sind? Wenn die Truppen von feigen und furchtsamen Führen befehligt werden, wird sie ihren Feinden zur Beute; und wenn sie an ihrer Spitze tapfere, kühne Männer haben, so werden diese in Friedenszeiten gefährlich, nachdem sie im Krieg gute Dienste leisteten.
Die Republiken haben sich fast alle aus dem Abgrund der Tyrannei in die höchsten Höhen der Freiheit emporgeschwungen, und fast alle sind sie aus dieser Freiheit in die Knechtschaft zurückgefallen. Die gleichen Athener, die zur Zeit des Demosthenes dem Philipp von Mazedonien Hohn sprachen, krochen vor Alexander.
Die gleichen Römer, die nach der Vertreibung der Könige jegliches Königtum verabscheuten, ertrugen nach den Umwälzungen einiger Jahrhunderte alle Grausamkeiten ihrer Kaiser geduldig; und die gleichen Engländer, die Karl I. umbrachten, weil er ihre Rechte mit Füßen trat, beugten ihren starren Mut unter der stolzen Macht ihres Protektors. Es sind also nicht diese Republiken, die sich Gebieter nach ihrer Wahl gegeben hätten, sondern waghalsige Männer, die, von glücklichen Umständen begünstigt, sie gegen deren Willen unterworfen haben.
So wie die Menschen geboren werden, eine Zeitlang leben und an Krankheiten oder Altersschwäche sterben, geschieht es auch mit den Republiken. Sie entstehen, erleben ihre Blütezeit und gehen schließlich entweder durch die Kühnheit eines Bürgers oder durch die Waffen ihrer Feinde unter. Alles hat seine Zeit, alle Reiche, auch die größten Monarchien; die Republiken spüren sämtlich, daß ihre Endzeit kommen wird, und sie betrachten jede zu mächtige Familie als den Keim der Krankheit, die ihnen den Todesstoß versetzen wird. Wirklich freie Republiken wird man niemals davon überzeugen können, sich einen Gebieter zu geben, auch nicht den besten; denn sie werden immer erklären, es ist besser, von Gesetzen abhängig zu sein als von der Willkür eines einzelnen.” (34f)
Ist der letzte Satz ein Nachklang Voltaires? (Der Friedrichs Text überarbeitete ...)
Ich werde nun allerdings eine freie Überlegung einschieben, d. h. eine Weile sowohl den Machiavelli als auch den großen Fritz beiseite liegen lassen. Die Frage, die mich interessiert, ist die: Was ist die Bedingung, daß dieser Machiavelli über alle Zeiten hinweg bis in die Gegenwart seine erregten Leser fand? Die Frage liegt doch in der Tat auf der Hand, wenn man bedenkt, daß er hier - und so in den nächsten Kapiteln - Herrschaftsformen diskutiert, die schon lange für uns in den Geschichtsbüchern verschwunden sind. Wohl aber bewährt sich in seinem Fall, was ich eingangs bereits einmal erwähnte, seine Überzeugung nämlich, daß sich die Menschen, wie sie sind, nur wenig oder kaum je verändern. Seine Einsichten sind Quintessenzen, die er aus der Erfahrung herauszieht, und die uns gestatten, sie mit anderen Erfahrungen zu kombinieren.
Und doch scheint mir auch diese „Erklärung” nicht auszureichen, denn wieder könnte ich an Beispielen, eines führe ich an, zeigen, daß seine klaren „Erkenntnisse” allenfalls halbe Wahrheiten sind. Womöglich ist es dies, das sie so sicher und selbstbewußt daherkommen, was uns in ihren Bann schlägt:
„Die Menschen scheuen stets vor Unternehmungen zurück, die schwierig erscheinen, und ein Angriff auf einen Fürsten, der seine Stadt wohlgefestigt und sein Volk nicht zum Feind hat, bietet keinerlei Aussicht auf Erfolg.” (Reclam 76) Hier arbeitet er wie der Aphoristiker, der ebensogut hätte behaupten können, die Menschen scheuten vor den aussichtslosesten Unternehmungen nicht zurück, wenn ihnen zumindest ein Abenteuer in Aussicht gestellt wird ... usw. Wahrscheinlich liegt hier die Verführung durch die Sentenz vor, der sich Friedrich übrigens sehr tapfer zu entziehen bemüht.
Was das soeben angeführte X. Kapitel Machiavellis betrifft, kann sich Friedrich kurz fassen: es ist überholt, die Zeiten haben sich geändert, mit Mauern ist nicht mehr viel auszurichten, eigentlich gar nichts, und die kleinen „Fürsten”, die Italien damals wohl noch kannte, seien weiter nichts als anmaßende Privatiers, die besser daran täten, sich als die Bürger zu bekennen, die sie sind. Krieg zu führen sei „heute” die Sache der großen und größten Herrscher, und selbst die benötigten Koalitionen und Bündnisse, um nicht ihrerseits unterzugehen. Soweit, so gut. Ich belasse es dabei.

Ich blätterte im Brockhaus und traf auf eine Notiz, die mir ein nachdenkenswertes Beispiel für „Richtiges im Falschen” zu sein scheint: Die Renaissance-Päpste. Ich rücke den Artikel ein:

Renaissancepäpste: Peterskirche
Das Papsttum der Renaissancezeit war von extremen Gegensätzen geprägt; sittlichem Verfall, Nepotismus und Familienintrigen standen die Förderung von Wissenschaft und Künsten sowie der Ausbau des Kirchenstaates zu einem wirkungsvoll verwalteten italienischen Fürstentum mit konsolidierten Finanzen gegenüber. Das Kardinalskollegium wurde in zunehmendem Maße von den großen italienischen Familien der Borgia, Colonna und Piccolomini besetzt. Rom verlor seine Selbstständigkeit und wurde dem Gestaltungswillen der Päpste unterworfen. Die Behörden der Kurie wurden zu einer wichtigen Säule der päpstlichen Politik.
Die Reihe der Renaissancepäpste begann mit Nikolaus V. (1447-55). Seinen wissenschaftlichen Neigungen kam ein Ereignis entgegen, das als solches die Christenheit zutiefst erschütterte, die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453. Nikolaus ließ die dadurch in Umlauf gelangenden griechischen Texte aufkaufen. Die griechischen Autoren, die man zum Teil bisher nur durch die Vermittlung arabischer Autoren kannte, waren nun in der Originalsprache zugänglich. Nikolaus V. begründete die Vatikanische Bibliothek und plante bereits den Abriss der 1200 Jahre alten Peterskirche, um an ihrer Stelle einen Neubau zu errichten.
Der Piccolomini-Papst Pius II. (1458-64) plante mit Unterstützung Venedigs einen Kreuzzug gegen die Türken, der aber nicht zustande kam. Unter Sixtus IV. (1471-84) und seinen beiden Nachfolgern erlebte das Papsttum einen moralischen Tiefpunkt. Sixtus war einer der großen Baumeister unter den Päpsten, der in die Gestaltung Roms nachhaltig eingriff. Seine Sixtinische Kapelle wurde unter ihm und seinen Nachfolgern zum »Bilderbuch« der Malerei der italienischen Hochrenaissance ausgestaltet.
Der Borgia-Papst Alexander VI. (1492-1503) erfuhr Berühmtheit nicht zuletzt durch seine Kinder Cesare und Lucrezia, deren Grausamkeiten unbestritten sind, auch wenn sie teilweise wohl Legende sind. Andererseits festigte Cesare Borgia mit harter Hand die Herrschaft des Papstes über den Kirchenstaat. Der Abriss der Peterskirche erfolgte endgültig unter Julius II. (1503-13), ein glanzvoller Neubau begann, an dem neben Bramante auch Raffael und Michelangelo beteiligt waren. Leo X. (1513-21) schrieb zum Bau der Peterskirche einen besonderen Ablass aus, der unter anderem den Anstoß zur Reformation in Deutschland gab. Der Sacco di Roma, die Verwüstung Roms durch deutsche und spanische Söldner 1527, setzte dem Renaissancepapsttum ein plötzliches Ende.”


Wer denkt daran, daß eben das ausgerechnet diese verworren-wirre Zeit mit ihrer skandalösen Herrschaft Folgen ermöglichte, die noch heute für uns hilfreich und unverzichtbar sind? Ich werde an Jakob Burckhardt erinnert und seine Spekulation, der zufolge auch das Böse seine berechtigte Stellung in dieser Welt habe ...

Bergisch Gladbach, Donnerstag, 2. Mai 2002

Ich sehe, von den weiteren Kapiteln im Machiavelli werde ich etliche flüchtig lesen dürfen: Was interessiert mich sein Nachdenken über das Militär-Wesen oder über geistliche Fürstentümer?
Bemerkenswert hingegen scheint mir das 15. Kapitel, überschrieben: „Von den Eigenschaften, die den Menschen und insbesondere den Fürsten Lob oder Tadel eintragen”. Hier beginnt er - weit über die politische Lehre hinaus - eine Reflexion über die Tugenden, wie man das ehedem genannt hätte. Und hier, in diesem Kapitel, findet sich auch jener Satz, den der Fischer-Verlag ganz zu Recht auf die hintere Umschlagseite gedruckt hat:
„Es ist ein so außerordentlicher Unterschied zwischen der Art, wie man wirklich lebt und wie man leben sollte, daß alle, welche bloß darauf sehen, was geschehen sollte, und nicht auf das, was wirklich geschieht, eher ihren Untergang als ihre Erhaltung erleben.” (91)
Das ist in der Tat der entscheidende Grundsatz und zugleich der, mit dem Machiavelli den späteren Zynismus vorwegnimmt. Die Welt nehmen, wie sie ist, und seine Zwecke nicht aus den Augen verlieren, darüber geht dem Zyniker nichts.
Und der zweite Grundsatz, der sich sogleich anschließt, lautet: die Wirklichkeit wird darüber befinden, durch Erfolg oder Mißerfolg, ob du richtig oder falsch gehandelt hast.
„Es ist daher unvermeidlich, daß ein Mann, der überall rein moralisch handeln will, unter so vielen anderen, die nicht so handeln, früher oder später zugrunde gehen muß.” (91)
Wenn das nicht die moderne Maxime überhaupt ist! Ich möchte sie nennen: „Moral lohnt nicht” oder „Moral zahlt sich nicht aus”.
Dann zählt er eine lange Reihe von Tugenden und Lastern auf, sagt dazu, es sei ja klar, welche die guten, welche die schlechten seien, nimmt daraufhin die natürliche „Schwäche der Menschen” als Tatsache, an deren Anerkennung niemand vorbeikomme, und erklärt nun, wichtig sei für den Fürsten, daß er sich jener Laster enthalte, die seine Herrschaft gefährden könnten. Seien aber (unstreitige) Laster erforderlich, um sich an der Macht zu erhalten, seien die selbstverständlich geboten.
Wie steht der Fürst also zum „Guten”? Er ist imstande, es zu tun und auch zu lassen, je nachdem „wie es die Umstände erfordern”. (Reclam 95) Sollte ich einen starken Ausdruck verwenden, würde ich sagen: Hier beginnt die Auslieferung an die Verhältnisse.
Was hören wir von Friedrich dazu? Zunächst seine Überschrift des XV. Kapitels: „Weshalb man Menschen, und vor allem Fürsten, lobt oder tadelt”.
Nach einer Vorüberlegung, wie man Menschen und Verhältnisse „abbilden” könne, und nachdem er geurteilt hat, Machiavelli stelle „die Welt als Hölle dar und alle Menschen als Verdammte”, hält Friedrich der Große schroff dagegen:
„Machiavelli behauptet, es sei nicht möglich, in dieser Welt vollkommen gut zu sein, ohne unterzugehen, da die Menschheit nun einmal so verkommen und so verdorben ist. Und ich sage, daß man, um nicht unterzugehen, gut und klug sein muß. Die Menschen sind im allgemeinen nicht vollkommen gut und nicht vollkommen böse; aber ob sie nun gut, böse oder mittelmäßig sind, alle verschonen sie übereinstimmend einen mächtigen, gerechten, fähigen Fürsten. Ich würde lieber einem Tyrannen als einem guten König den Krieg erklären, lieber einem Ludwig XI. als einem Ludwig XII., einem Domitian als einem Trajan; denn dem guten König wird niemand untreu, während sich die Untertanen des Tyrannen meinen Truppen anschließen werden. Zöge ich mit zehntausend Mann in Italien gegen einen Alexander VI. zu Felde, wäre die Hälfte Italiens auf meiner Seite; fiele ich dort mit vierzigtausend Mann ein, um gegen einen Innozenz XI. zu kämpfen, erhöbe sich.ganz Italien, um mich zu vernichten. Niemals ist in England ein guter und weiser König von großen Armeen um seinen Thron gebracht worden, aber alle schlechten Könige dort sind Rivalen erlegen, die den Krieg nicht einmal mit viertausend Mann regulärer Truppen begonnen haben.
Sei also nicht böse mit den Bösen, sondern sei tugendhaft und unerschütterlich unter ihnen, und dein Volk wird so tugendhaft werden wie du, deine Nachbarn werden deinem Beispiel folgen wollen, und die Bösen werden zittern.” (53f)
Könnte es eine Idee für mein Buch sein, diese Zwei, den Renaissance-Denker und den Preußen kurz und knapp vorzuführen und zu kommentieren? Das läge dann noch vor der eigentlichen Überlegung zum Richtigen im Falschen, es stellte zunächst noch die Frage, ob das Richtige zu tun richtig ist, das Falsche zu tun falsch? Es könnte ins Buch „hineinsensibilisieren” ...
Zurück zum Machiavelli, zu seinem XVII. Kapitel: „Von Grausamkeit und Milde und ob es besser ist, mehr geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt”.
Bezeichnend ist hier bereits der Anfang und Einstieg: Die guten Eigenschaften werden unter der Frage diskutiert, ob es gut sei, für gut (so oder so) zu gelten. Dann wird sogleich - Machiavelli ist Utilitarist vor der Zeit - gefragt, ob nicht die bösen Eigenschaften (etwa, wiederum, eines Cesare Borgia) Gutes bewirkt haben könnten (was er bejaht). Und schließlich und drittens wird die Frage im Blick auf die Menschen, wie sie sind, beantwortet:
„Hier fragt sich's also, ob es besser sei, geliebt oder gefürchtet zu werden. Ich glaube, beides wäre allerdings zu wünschen, aber da dies sehr schwer ist und daher eine Wahl getroffen werden muß, so ist letzteres vorzuziehen. - Man kann nämlich im allgemeinen sagen: Die Menschen sind undankbar, unbeständig, heuchlerisch, furchtsam und eigennützig. Solange man ihnen Wohltaten erzeigt, ohne sie zu brauchen, bieten sie Vermögen, Leben, Kinder und alles zum Danke an [...]. Brauchst du sie aber, dann empören sie sich und nichts ist dem, der unbedachtsam und ohne sonstige Vorkehrungen auf ihr Wort baut, gewisser als sein Verderben. Man verdient wohl die Freundschaft derer, welche man durch Wohltaten und Edelmut gewinnt, aber man besitzt sie nicht, und kann daher im Notfalle nicht auf sie rechnen. Ohnehin wagen es die Menschen weniger, die zu verletzen, welche sie fürchten, als jene, welche sie lieben. Liebe wird bloß durch das Band des Anstandes erhalten, welches die Menschen, da sie schlecht sind, jedesmal zerreißen, wenn sie ihren Vorteil anderwärts finden; Furcht aber gründet sich auf die Vorstellung eines zu erwartenden Übels, und diese hört niemals auf.” (94f) - Und zur Ergänzung noch:
„... denn leichter vergißt der Mensch die Ermordung seines Vaters, als er den Raub und Verlust seines Erbteils verzeiht”. (95) - Schöner und knapper in der Reclam-Ausgabe:
„Denn die Menschen vergessen schneller den Tod ihres Vaters als den Verlust des väterlichen Erbes.” (102)
Friedrichs Antwort:
„Ich komme nun zu Machiavellis verfänglichstem Argument: Er behauptet, ein Fürst käme besser, wenn er Furcht erweckt statt Liebe, weil die Mehrheit der Menschen zu Undankbarkeit, Unzuverlässigkeit, Verstellung, Feigheit und Habsucht neige; weil die Liebe ein verpflichtendes Band ist, das durch die Bosheit und Niedertracht der Menschheit sehr rissig geworden sei, während Furcht vor Strafe ein weitaus stärkerer Garant für die Pflichterfüllung sei; weil die Menschen Herren über ihre Zuneigung, doch nicht über ihre Furcht seien; demnach soll sich ein kluger Fürst mehr von sich als von anderen abhängig machen.
Ich leugne ganz und gar nicht, daß es undankbare, falsche Menschen auf der Welt gibt; ich leugne ganz und gar nicht, daß Strenge in bestimmten Augenblicken sehr von Nutzen ist; doch ich behaupte, daß jeder König, dessen Politik nur zum Ziel hätte, gefürchtet zu sein, über Feiglinge und Sklaven regieren würde und daß er nicht mit großen Taten seiner Untertanen rechnen dürfte; denn alles, was je aus Angst und Furcht geschah, ist immer davon gezeichnet gewesen.” (58f)
Er schließt seinen Kommentar:
„Es wäre also für das Wohl der Menschheit wünschenswert, daß die Fürsten gütig sind, ohne allzu weichherzig zu sein, damit ihre Güte stets eine Tugend und niemals eine Schwäche ist.” (59)
Zitieren möchte ich aus seiner Antwort nur noch eine Sentenz, die es mir wert scheint, festgehalten zu werden:
„Es gibt Situationen, in denen man hart sein muß, aber niemals grausam.” (58)
Machiavelli nun wieder:
„XVIII. Inwieweit Herrscher ihre Versprechen halten sollen”
Da haben wir es schon: dieses „inwieweit” klärt bereits über das meiste auf ... Was anderen als „letzte Instanz” gilt, sagen wir das Recht oder die Moral, wird von Machiavelli abhängig gemacht, und zwar vom Willen und wahrscheinlichen Erfolgsaussichten:
„Man muß nämlich wissen, daß es zweierlei Waffen gibt: die des Rechtes und die der Gewalt. Jene sind dem Menschen eigentümlich, diese den Tieren. Aber da die ersten oft nicht ausreichen, muß man gelegentlich zu den andern greifen.” (Reclam 104) Übersetzung: Menschlich zu sein ist schön und gut, wenn es denn zum (erwünschten) Resultat führt; wenn nicht, versuch es lieber als Tier ...
Ansonsten wiederholt sich inzwischen das meiste: etwa die Empfehlung, nicht auf die Sache selbst, sondern auf den Schein der Sache zu setzen:
„Es ist also nicht nötig, daß ein Fürst alle aufgezählten Tugenden besitzt, wohl aber, daß er sie zu besitzen scheint.” (Reclam 105) Und: „Deshalb muß er verstehen, sich zu drehen und zu wenden nach dem Winde und den Wechselfällen des Glückes, und am Guten festhalten, soweit es möglich ist, aber im Notfall vor dem Schlechten nicht zurückschrecken.” (Reclam 105) - Schließlich das beachtlichste Resümee:
„Zudem beurteilt man die Taten der meisten Menschen, und insbesondre der Fürsten, die keinen Richter über sich haben, nach dem Erfolg. Ein Fürst braucht nur zu siegen und seine Herrschaft zu behaupten, so werden die Mittel dazu stets für ehrenvoll gelten und von jedem gepriesen werden. Denn der Pöbel läßt sich durch den Augenschein und den Erfolg bestechen, und in der Welt gibt es nur Pöbel.” (Reclam 106)
Später: „... von den Menschen läßt sich nur Schlechtes erwarten, wenn sie nicht zum Guten gezwungen sind”. (Reclam 132)
Es ist, als rede hier bereits ein Topzyniker einer privaten TV-Gesellschaft ...
Und was antwortet unser Friederich? Er macht hier, wie leider manches mal auch sonst, den Fehler, Machiavelli zu verwerfen, anstatt ihn sauber zu widerlegen. Ihm „verworrene Gedankengänge” vorzuwerfen, ist eine Kleinigkeit. Vielleicht aber ist das Problem Machiavelli, daß er so wenig verworren, so außerordentlich gradlinig ist, so völlig klar und deutlich ... Und natürlich ist es auch kein Argument, dem „Doktor der Ruchlosigkeit” anzukreiden, er „stammele” seine „Lektionen” daher. Das schlimme ist ja: er stammelt gerade nicht!
Eines allerdings ist schön, wenn Friedrich nämlich Machiavellis Lehre, der Fürst dürfe unter diesen und jenen Bedingungen durchaus betrügen, entgegensetzt:
„In der Welt geht es zu wie bei einer Spielpartie, zu der sich ehrenhafte Spieler, aber auch betrügerische Schurken zusammenfinden: Damit also ein Fürst, der bei dieser Partie mitspielen muß, nicht hintergangen wird, soll er wissen, wie man beim Spiel betrügt, nicht, damit er jemals solche Lehren selbst anwendet, sondern damit er nicht zum Betrogenen wird.” (61)
Ansonsten ist Friedrich dicht an dem entscheidenden Punkt: Es sei doch ein sonderbarer Syllogismus, aus der (vermeintlichen) Dummheit des Nachbarn zu schließen, daß man ihn deshalb betrügen dürfe. (62) Wer nach solcher Devise lebe, lande auf dem Schafott. Wenn da einer ein Betrüger und Schuft sei, so schließe er, Friedrich, daraus, daß er ein „Unglücksrabe” ist, der bestraft gehört, „und nicht, daß ich mein Verhalten seinem anzupassen hätte”. (62) Am schönsten vielleicht sein Bescheid: „Daß die Welt nur aus Schurken besteht, ist noch dazu ganz falsch.” (62)
An sein Wort schließe ich gut eine Überlegung für mein Buch an. Friedrich schreibt:
„Man muß schon ein großer Menschenfeind sein, um nicht zu sehen, daß es in jeder Gesellschaft viele ehrenwerte Leute gibt und daß die große Menge nicht gut und nicht schlecht ist.” (62)
Was wäre dazu meine Frage? Man kann sein Auge für das Falsche im Richtigen geeicht habe, aber eben auch für das Richtige im Falschen. Was spricht für's eine, was für's andere? Womöglich übrigens ließe sich auch der gute Fritz noch gehörig (= wie es sich gehört) verschärfen; etwa so: Wer Vertrauen genießt und dann einmal betrügt, kann das in langer Zeit erworbene Vertrauen mit einem Mal verspielen.
Nun werde ich an das Ende eilen, von dem etliche meinen, mit ihm sei anzufangen, erst von jenem schließlichen Aufruf her sei Machiavelli zu verstehen. Doch zuvor, denn damit schließe ich elegant an den vorvergangenen Freitag an, soll ein Satz aus dem 21. Kapitel zitiert werden:
„Ein Fürst wird geachtet, wenn er ein rechter Freund und ein rechter Feind ist, das heißt, wenn er ohne alle Bedenken sich für den einen und gegen den andern erklärt.” (Reclam 125)
An späterer Stelle: Der Fürst werde geachtet, „wenn er sich als wahrer Freund und wahrer Feind zeigt und sich gerade und offen für den einen und gegen den andern erklärt, denn dieses ist ihm stets vorteilhafter als Neutralität.” (112)
Und noch als weltläufige Klugheits-Maxime:
„Es liegt in der Natur der Dinge, daß man nie einen Nachteil vermeiden kann, ohne sich einem andern auszusetzen. Die Klugheit besteht eben in der Fähigkeit, die Nachteile gegeneinander abzuwägen und das kleinere Übel zu wählen.” (Reclam 127)
Doch nun zu dem Schluß, von dem Hans Freyer („Vom Rechte des Eroberns. Friedrich der Große und Machiavelli”, FAZ 193 v. 22.8.1986, S. 6 [abgelegt bei Machiavelli]) überzeugt meint, wir seien im Recht, wenn wir ihn als den Schlüssel zum gesamten „Fürst” nähmen: Indem Machiavelli die historisch einmalige Gelegenheit zu sehen meinte, Italien zu einen (durch die Medici, die sowohl Herren von Florenz waren, als auch den Papststuhl besetzt hatten), gewinne seine politische Theorie den Charakter einer einmaligen Handlungsanweisung, seien also seine rigorosen Theorien nicht so sehr als „allgemeine” Empfehlungen zu verstehen, als vielmehr besondere. Seine Einsichten wären danach „spezifisch gültig” allein im Blick auf die besondere Lage Italiens im Jahre 1513.
Nun gäbe es eine einerseits versteckte, andererseits eindrucksvollen Bestätigung dieser Annahme - und zwar ausgerechnet durch Friedrich, in dessen „Antimachiavell”. So nämlich, wie seinerzeit Machiavelli seine konkrete geschichtliche Lage zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen gemacht habe (diese allerdings erst im letzten Kapitel ausspricht), so habe dies auch Friedrich der Große getan, indem er die Lage Preußens 1740 zugrunde legte. Friedrich antwortet auf Machiavelli mit einer theoretischen Überlegung zum „Recht, von der Plicht und von der Grenze des Eroberns” ... Freyer: Das sei Auszeichnung beachtlicher politischer Theorie, die dann „am Ziel” sei, wenn sie denkend auf die konkrete Lage der Gegenwart auftrifft”. Sie lehre „die Aufgaben und Forderungen sehen, die die Gegenwart stellt”. Friedrich diskutiert, wann ein Krieg gerechtfertigt wäre, selbst ein Angriffskrieg. Darum könne man das letzte Kapitel dieses „Antimachiavell” ebenso gut überschreiben: „Inwiefern und inwieweit Machiavelli recht hat”. Sollte also Friedrich zuletzt doch „Machiavellist” sein ...?
In Rheinsberg, in jenen Jahren des Wartens und Sich-Vorbereitens, habe Friedrich geschrieben: „Da es in der Welt keine Gerichtshöfe gibt, die über den Königen stehen, [...] so kann nur der Kampf über ihre Rechte entscheiden und das Urteil über die Gültigkeit ihrer Gründe fällen. Herrscher plädieren mit den Waffen in der Hand; sie zwingen, wenn sie können, ihre Gegner, die Gerechtigkeit ihrer Sache anzuerkennen.”
Und Freyer hat ganz gewiß recht, wenn er sagt: „Mit diesen Sätzen, die im 26. Kapitel des Antimachiavell stehen, spricht Friedrich das Gesetz der Machtpolitik aus.” Und damit ist er bei Machiavelli selbst ... Die einfache Wahrheit sei, und Friedrich spreche sie aus: „Es gibt keinen Prätor zwischen den Staaten.”
Damit habe Friedrich nur in aller Ehrlichkeit das Wesen zwischenstaatlicher Politik ausgesprochen, die einfach darin begründet ist, daß die Staaten souverän sind.
Freyer (oder der Carl Schmitt-Schüler spricht):
„Es gibt keine Gerichtshöfe, die über den Königen ständen („supérieurs aux rois”); das heißt: in den Prozessen der großen Politik ist der Ankläger (und ebenso der Angeklagte) notwendig zugleich Richter und außerdem zugleich Exekutivorgan.”



Bergisch Gladbach, Freitag, 3. Mai 2002

Das Zitat, mit dem ich gestern schloß, wird von Freyer richtig in dem Punkt konzentriert: Jene „Koinzidenz der Funktionen”, die im Recht auseinandergehalten würden, mache „das Wesen der Politik aus”. Recht begrenzt die Politik also nicht, es wird von ihr gesetzt. Da sind wir bei Hobbes - und bei Machiavelli. Doch sind wir damit auch in der Gegenwart? Die Gewaltenteilung, Grundlage des modernen Rechtsstaates, hat mit dem alten Grundsatz, „Ein König ist notwendig Richter in eigener Sache”, gebrochen, der Politik tritt das Recht zur Seite, ggf. entgegen.
Nun, Freyer jedenfalls ist interessiert daran zu zeigen, daß in letzter Instanz (und im letzten Kapitel) Friedrich seinem Widersacher Machiavelli mehr Zugeständnisse machen müsse, als ihm lieb ist. An der Einsicht, „daß die Politik auch können muß, was sie will und soll, daß sie also den Mut zu ihren Mitteln haben muß, bis zu den Konsequenzen hin, die Machiavelli zog”, sei nämlich auch Friedrich der Große nicht vorbeigekommen. Und auch Friedrich habe der Tatsache gerecht werden müssen, daß es eine nécessité fatale gibt, die beispielsweise nicht immer erlaubt, alle Streitigkeiten auf dem Wege der Verhandlung aus der Welt zu schaffen. Also denkt er über den berechtigten Krieg nach.
Dennoch habe sich Friedrich auch in diesem Punkt deutlich von Machiavelli unterschieden, indem er nämlich nicht alle Mittel gleichgestellt habe in eine Beziehung zum Zweck, vielmehr habe er strikt zwischen den Mitteln unterschieden: und der Krieg ist das extremste, das Mittel, das Übel schlechthin ist. Der Krieg sei im Bewußtsein Friedrichs nicht eines unter anderen Mitteln, sondern Ultima ratio, Ausnahme schlechthin.
Hier sieht Freyer die wichtige Differenz zwischen Machiavelli und Friedrich: „Dieses Umdenken von der Relativität der Mittel auf die absolute Ausnahme bezeichnet den wesentlichen Schritt von Machiavelli weg, oder besser: Er bezeichnet den von Anfang an eignen Standpunkt Friedrichs”. Auch Friedrich wisse, daß der Fall denkbar sei, da Verträge gebrochen, Bündnisse aufgelöst, Angriffen zuvorgekommen werden muß. Aber: Dies sei „nur im Notfall” rechtfertigt. „In der Politik »gelten nicht alle Mittel«, wohl aber hat die Notwendigkeit ihr eignes, hartes Gesetz.” Was Friedrich damit einschränke, sei der Gedanke eines „reinen Naturzustandes” zwischen den Staaten. Freyer, Friedrich referierend: „Es gibt Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit auch im Verhältnis der Staaten zueinander, auch in der äußeren Politik - das ist der höchste Begriff, zu dem der Antimachiavell vorstößt. Das Verhältnis der Staaten zueinander ist nicht ein wüster, nie ruhender Kampf, in dem jeder zu erraffen hätte, was gerade greifbar ist, sondern ein Staatensystem ist ein Ganzes und mindestens potentiell eine Ordnung. In Bezug auf diese Ordnung ist es sinnvoll, von berechtigten Ansprüchen, von gerechten Grenzen und andererseits von Übergriffen und Rechtsverletzungen zu sprechen.” (Kursiv: von mir)

Ich kehre zurück zu Freyer und dem von ihm posthum veranstalteten Gespräch zwischen dem preußischen Kronprinz und Machiavelli. Was also hat, Freyer zufolge, Friedrich an dem Buch Machiavellis gefesselt? Daß er dort einer Theorie begegnete, die ihm eigentlich zugute kommen sollte, da Preußen auf dem Sprung war, sich zu einer Großmacht zu entwickeln. Und nun war die Frage für Friedrich: Unter welcher Bedingung ist dies zu rechtfertigen? Die kurze Antwort lautet: Nicht so, wie Machiavelli dies - allzu bedenkenlos - tat. Nur der Staat dürfe „den Weg zur Größe einschlagen, [...] der die substantiellen Bedingungen” dazu mitbringe. Dies habe Friedrich im Blick auf das Buch des Florentiners reflektiert.
Nun werde ich bald dem Buch des Machiavelli den Rücken kehren; heute abend, im Seminar, wird noch einmal davon die Rede sein. Doch bevor ich seine Handlungsanweisung zuschlage, werde ich noch einige Passagen und Sentenzen aus den letzten, bisher nicht referierten Kapiteln in meine Aufzeichnungen aufnehmen.
Berühmt ist seine Empfehlung an den Fürsten, er müsse in sich „die Rolle des Fuchses und des Löwen” vereinigen. (103) Seine Skepsis spricht sich aus in der Sentenz: „Man kann sich ebensogut durch Gutestun wie durch Bösestun verhaßt machen.” (102)
Ein prächtiger Schlußsatz (nämlich zum 23. Kapitel) wird in unserer Unternehmung Platz finden dürfen:
„Die guten Ratschläge, sie mögen kommen woher auch immer, müssen aus der Klugheit der Fürsten erwachsen und nicht die Klugheit der Fürsten aus den guten Ratschlägen.” (116)
Einem Lieblings- und Hauptthema widmet Machiavelli sein vorletztes Kapitel:
„XXV. Von Fortunas Einfluß auf die Dinge dieser Welt und wie man ihr widerstehen kann”
Gewiß ohne es mathematisch zu meinen, geht Machiavelli zunächst einmal davon aus, „die eine Hälfte unserer Handlungen hänge vom Schicksal ab, die andere aber oder etwas weniger sei unserem freien Willen überlassen”. (118) Und sogleich beantwortet er mit einem Bild, wie wir uns zu diesem Schicksal, das nicht in unserer Macht steht, stellen sollen:
„Ich glaube, man kann dies Verhältnis mit einem reißenden Strome vergleichen. Dieser überschwemmt, wenn er über seine Ufer tritt, das Land, entwurzelt Bäume, stürzt Häuser um, schwemmt hier Boden weg, dort Boden an. Jeder flieht vor ihm, alles weicht seinem Ungestüm, ohne daß jemand seine Wut zu hemmen vermag. Dies alles geschieht nicht, wenn er ruhig ist: Da kann man ungehindert Wälle und Dämme aufführen, die in Zukunft ihn abhalten, aus seinem Ufer zu treten, oder doch zum wenigsten die Heftigkeit des Stromes brechen. Ähnlich steht es mit dem Schicksale: Widersteht man ihm nicht, dann übt es seine ganze Gewalt aus und richtet diese ganz dahin, wo es weiß, daß ihm weder Damm noch Schranken entgegenstehen.” (118)
Also gelte es, dem Schicksal vorzubeugen. Und dies tue man am ehesten, wenn man sich nicht auf das Glück und die günstigen Umstände verlasse. Allerdings habe man sich zugleich dem Lauf der Dinge, den „Zeitumständen”, anzupassen. „Ich bin auch überzeugt, daß dem das Glück geneigt ist, der sein Verhalten den Zeitumständen anpaßt; unglücklich, wer dies zu tun nicht versteht”. (119) Letztlich bestimmten auch „über Erfolg und Mißerfolg” die Umstände, allerdings: entscheidend sei, wer sich ihnen zu seinem Vorteil zu fügen verstehe. (119)
Und das bedeutet schließlich, daß schon Machiavelli zu jener Lehre kommt, die heute Unisono verkündet wird: Niemand habe die Macht, die Verhältnisse zu ändern, aber, um des Erfolgs wegen, sollten wir die Macht haben, uns den Verhältnissen gemäß selbst zu modeln:
„Menschen, die sich fest vornehmen, beständig ein und derselben Weg einzuhalten, sind so lange glücklich, wie ihr Verhalten mit dem Glücke zusammenstimm; sie scheitern aber, sobald dieses wechselt und sie sich mit ihm nicht ändern wollen.” (120) Flexibilität wird bereits hier zur Devise.
Zum Abschluß das letzte Kapitel:
„XXVI. Aufruf, Italien in die Freiheit zu führen und es vor den Barbaren zu retten” (120)
Seine Logik: Die Zeiten sind schlimm wie selten, darum als Chance so gut wie noch nie. Italien, elender als seinerzeit die Israelis in Ägypten, die Perser unter den Medern, zerstreuter als die Athener, bevor Theseus sie einte, „ohne Gesetz, verachtet, geplündert, zerrissen, von Ausländern tyrannisiert”, habe eben jetzt die Chance, daß „einer der Söhne Italiens” seine Tapferkeit zeige und die Gelegenheit nutze. (121) Italien liege „in den letzen Zügen” und sehe „einem Erretter” entgegen. Jeder Fahne werde es folgen, „die ein Tapferer aufrichten wird”. (121)
Sein Appell an den Medici: Seien sie entschlossen und treten sie in die Fußstapfen des Mose: „Das Meer hat sich geteilt; eine Wolke diente zum Wegweiser; aus einem Felsen floß Wasser; Manna regnete vom Himmel; kurz: alles vereinigte sich, Sie emporzuheben. Nun liegt es an Ihnen, das übrige zu vollenden.” (121) Italien sei bestimmt, nach seinem „langen Leiden endlich seinen Erlöser” zu sehen. (123) Den Beschluß macht also der Aufruf: „Zu den Waffen!” Der Medici hat ihn nicht gehört.
Und Friedrich? Friedrich, der bisher die jeweiligen Kapitel-Überschriften des Machiavelli wörtlich wiederholte und an die Spitze seiner Überlegungen stellte, weicht hier, beim letzten Kapitel, davon ab; setzt einfach eine eigene, um Machiavelli unbekümmerte, neue Überschrift. Sie lautet:
„XXVI. Von den verschiedenen Möglichkeiten zu verhandeln und von den Gründen, die man als gerecht bezeichnen kann, um Krieg zu führen”
Und was unternimmt er? Unmittelbar vor seinem eigenen Regierungsantritt, 1739, stellt er Überlegungen an, welche Kriege unter welchen Voraussetzungen zu rechtfertigen seien. Und daß nur die unzweifelhaft „gute Sache” sie zu rechtfertigen vermöge. Es sieht so aus, als habe er den Machiavelli gebraucht, um sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen.
 




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