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Was ist der Mensch wert? [Philosophische Praxis Gerd B. Achenbach]

Philosophisch betrachtet ...

Gerd B. Achenbach

Was ist ein Mensch wert?



Wer wertet, vergleicht. Wer einen Wert „zumißt”, schätzt ab. Denn werten heißt taxieren. Und jetzt soll vom „Wert” eines Menschen die Rede sein?
Es gibt Weltgegenden - zumal auf der andern Seite des Atlantiks -, da erklärt man in der Tat mit kindischer Unbefangenheit, XY sei ein „One-Million-Dollar-Man”, XYZ ein „Three-Million-Dollar-Man” usw., womit man dem Fundamentaldogma der Wirtschaftsgesellschaft huldigt: Alles hat seinen Preis. Die Butter im Regal, das Auto vorm Haus, der Mensch bei der Arbeit. Doch was wird denn da bewertet? Das geldwerte Leistungsvermögen des Menschen, oder der Mensch selbst? Das Talent, Gewinne zu erzielen, oder die Vorbildlichkeit eines Charakters? Was also ist mit Aufrichtigkeit, Besonnenheit, Verläßlichkeit - „zählen” die mit? Wie veranschlagen wir die Haltung der Gerechtigkeit? Wer rechnet uns aus, was die Fähigkeit wert ist, nicht nur sich selbst, sondern auch andere ernst zu nehmen? Wie hoch taxieren wir die Gabe eines Menschen, „Wertvolles” von „Wertlosem” zu unterscheiden, sich nichts vormachen zu lassen, das eigene, sichere Urteilsvermögen auch da zu bewahren, wo andere zwitschern, wie der Zeitgeist von den Dächern pfeift?
Wenn einst die Alten von jemandem sagten, er sei ein „wertvoller” Mensch - haben sie damit deklariert, was er wert ist? Womöglich wieviel? Haben sie damit seinen Gebrauchswert kalkuliert? Natürlich nicht.
Nächste Frage: Könnte es sein, daß man dort, wo gewuselt und hochgedreht wird, nichts mehr anzufangen weiß mit einem solchen Urteil, das jemanden anerkennt als „wertvollen” Menschen? Und könnte es außerdem sein, daß die glatten, pfiffigen, die windigen, die gestylten Typen, die ein- und angepaßten, diese aufgedrehten Selbstvermarkter ... von entsprechendem Schlage sind? So daß man sich allenfalls fragt, was sie kosten?
Übrigens: Der Philosoph Kant, unbestechlich, kühl - der aufgeräumteste Kopf, den die Menschheit vorzuweisen hat -, unterschied mit wünschenswerter Klarheit, was einen Wert hat, und was entwürdigt wird, indem man es bewertet. Alles, was sich auf unsere „Bedürfnisse” beziehe, schrieb er, habe einen „Marktpreis” und damit „bloß einen relativen Wert”. Der Mensch hingegen, den wir um seiner selbst willen schätzen (und nicht bloß, weil er Ansprüchen genügt), habe einen „absoluten”, also über allen Vergleich erhabenen „inneren Wert”, und der heiße „Würde”.
Mit andern Worten: Menschen bewerten - wobei mancher viel, ein anderer wenig oder „nichts” und mancher „nichts mehr wert” wäre ... - heißt, sie unwürdig behandeln. Ihre Würde hingegen bewahren wir ihnen, indem wir sie achten.


Erschienen in "Promotion Business" 2/2007