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Vertrauen [Philosophische Praxis Gerd B. Achenbach]

Philosophisch betrachtet ...

Gerd B. Achenbach

Vertrauen - was sonst?



Sie meinen, Sie vertrauten niemandem mehr? Dann täuschen Sie sich. Ihnen bleibt, ob’s Ihnen nun paßt oder nicht, gar nichts anderes übrig als zu vertrauen. Ich erkläre Ihnen das.
Studieren wir als Beispiel Papa Stalin: ein Monster des Mißtrauens, möchte man meinen. Ein Überwachungsregime wurde etabliert, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Und? Hat Jossif Wissarionowitsch, „der Stählerne”, also nicht vertraut? Selbstverständlich hat er! Nur mußte er eben, da er seinen Weg- und Kampfgefährten nicht traute, auf die Organe seines Mißtrauens, auf die Geheimdienstleute und Ausspionierer vertrauen. Und wurden ihm auch die unheimlich, was dann? Mußte ein zweiter Spionage-Dienst her, den ersten zu überwachen. Und war auch diesen Superagenten nicht zu trauen, mußten alle vom roten Terror in Angst und Schrecken gehalten werden. Mit andern Worten: Zuletzt vertraute Stalin darauf, daß Terror die potentiellen Aufrührer und Rebellen in Schach halten würde.
Ergo bis hierhin: Die Frage ist nicht, ob er vertraute, die Frage ist einzig: wem oder auf was er vertraute.
Nächste Frage: Ist überhaupt zu vertrauen gut und empfehlenswert? Oder wird man klugerweise davon abraten müssen - etwa nach dem angeblichen Lenin-Wort (das nicht von Lenin ist): Vertrauen ist gut, Kontrolle besser? Diese Frage zu beantworten ist etwa so heikel, wie die, ob dieses oder jenes Medikament zu schlucken ratsam sei. Bevor ich Ihnen dies sagen könnte, müßten Sie mir verraten, was Ihnen fehlt. Vielleicht auch, wer sie sind. Denn nicht alles bekommt allen in gleicher Weise. La Rochefoucauld hat bemerkt: „Selbstvertrauen ist die Quelle des Vertrauens zu andern.” Das ist sehr weise gesprochen. Und läßt sich ergänzen: Nur wer Selbstvertrauen genug besitzt, sollte wagen, andern zu vertrauen. Die geringste Spur Mißtrauen, mit dem - womöglich ängstlich - „überprüft” wird, ob dem andern denn wohl zu vertrauen sei, zerstört bereits das Vertrauensverhältnis. Vertrauen hat man, wie eine Frau schwanger ist: ganz oder gar nicht. Halb geht nicht. - Dies zur persönlichen Seite in Vertrauensdingen.
Doch es gibt auch einen unpersönlichen Aspekt der Sache. Und der ist: Je moderner, komplexer, unübersichtlicher, undurchschaubarer die moderne Welt ist, desto mehr sind wir genötigt, auf „Systeme” zu vertrauen. Nicht Sie können wissen, ob ein Medikament, das sie nehmen, unschädlich ist. Sondern Sie fragen „Ihren Arzt oder Apotheker”. Und Sie tun gut daran. Auch wenn sie nicht wissen, ob die wirklich wissen, was Sie gern wüßten. Vor 50 Jahren kam Contergan auf den Markt ...
Doch zum Vertrauen gibt es keine Alternative: Vertrauen heißt, zuversichtlich sein, wo wir nicht genug wissen und nicht genug wissen können.
Also?
Vertrauen - was sonst.

Erschienen in: "Promotion Business" 06/2007