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Gerd B. Achenbach

Die Philosophische Praxis als Beraterin der Wirtschaft



Vortrag zur Eröffnung des Kolloquiums „Philosophie und Wirtschaft” der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis, 31.10. bis 2.11.2003, im Hotel „Maria in der Aue”, Wermelskirchen


Verehrte Frau Bürgermeisterin, ich danke Ihnen für das freundliche Grußwort, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kollegen und Gäste - ich danke Ihnen für Ihr Kommen. Uns allen wünsche ich, daß der heutige Abend, der morgige Tag und der Sonntag übermorgen als interessante, anregende Tagung in Erinnerung bleiben. Es ist gut, daß wir - sei es erstmals, sei es wieder einmal - Gelegenheit finden, mit einander zu reden und nachzudenken, uns kennenzulernen oder uns wiederzusehen, und persönlich füge ich an: mich freut es, daß sich uns diese Aussicht ein weiteres Mal in Bergisch Gladbach bietet, oder doch: vor den Toren Bergisch Gladbachs, also am Geburtsort der Philosophischen Praxis, der zugleich, um beim gynäkologischen Bild zu bleiben, ihr „Austragungsort” war.
Ich denke, die Metapher ist erlaubt, denn wirklich läßt sich von Ideen sagen, sie seien - wie die Göttin der Weisheit selbst, die weit hinblickende Jungfrau Athene - Kopfgeburten, auch wenn die Philosophische Praxis, als menschlicher Gedanke, bloß einem Menschenkopf entsprungen ist, und nicht - vollendete Weisheit verbürgend - dem kolossalen Haupt des Zeus.
Es war übrigens der Aufklärer und Spötter Lichtenberg, der einmal die Geschichte der Ideen und Gedanken in erhellender Analogie zu unserer Biographie ausdrückte. Ich zitiere einen seiner entzückenden Aphorismen:

       „Einer zeugt den Gedanken,
       der andere hebt ihn aus der Taufe,
       der dritte zeugt Kinder mit ihm,
       der vierte besucht ihn am Sterbebette,
       und der fünfte begräbt ihn.”

Nun, vom Besuch am Sterbebett der Philosophischen Praxis ist vorerst keine Rede, und begraben wird sie schon gar nicht, vielmehr steht sie mit ihren 22 Jahren im besten Alter, und so wundert es nicht, daß sie, als sollte Lichtenberg Recht bekommen, justament ein Kind gezeugt hat, das wir hier, im Rahmen unseres diesjährigen Kolloquiums, begrüßen wollen: Es ist
       die Philosophische Praxis als „Beraterin der Wirtschaft”.

Nebenbei bemerkt: Womöglich ist es eines der wunderlichsten, gewöhnlich jedoch übersehenen Vermögen des Geistes, Wirklichkeiten zu kreieren, also, wie man sagt: „Fakten zu schaffen” oder: eine Sache zur Welt zu bringen. So gab es die Philosophische Praxis, heute ein Faktum, vor 25 Jahren eben noch nicht, allenfalls begann sie sich als Gedanke abzuzeichnen, ich könnte sagen: mein Kopf ging damals damit schwanger. Dann aber wurde, was Gedanke war, zur Gründung, und seither ist die Philosophische Praxis eine Wirklichkeit in der Wirklichkeit der Welt, eine Sache, und die gibt es jetzt wie es Schulen gibt und Zahnpasta, wie den Spaceshuttle, Goethes »Faust« oder das »Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland«. Und Menschen, die sich seither nach der Philosophischen Praxis erkundigten, wunderten sich nicht etwa: „Philosophische Praxis - gibt es das denn?”, sondern sie fragten: „Philosophische Praxis - was ist das?” Man könnte Lust bekommen, noch einmal den alten Streit vom Zaun zu brechen, was zuerst sei: die Existenz oder die Essenz einer Sache. Doch das lasse ich beiseite (...)

Statt dessen möchte ich darin erinnern, daß nicht jeder Gedanke und nicht jede Idee das Zeug hat, eine Wirklichkeit zu werden und sich als Sache, die „es gibt”, in der Welt zu behaupten, was uns die Frage nahelegt, was es denn ist, das Gedachtem ermöglicht, zur Welt zu kommen.
Zwar läßt sich mit einem Sinn für erkenntnisdienliche Pointen behaupten, Hamlet sei so wirklich wie Wallenstein, und natürlich läßt sich ebenso behaupten, auch Bücher und Traktate seien Wirklichkeit, und doch gibt es da eine Differenz, die Interesse verdient. Das naheliegende Beispiel - naheliegend, weil uns der heutige Tag daran erinnert - sind jene 95 Thesen, die nach verbreiteter Überzeugung Dr. Luther heute vor 486 Jahren an die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlug. Meine Frage, auf diesen Fall gemünzt, lautet: Was war es, daß dieser Anschlag so einschlug, wie er's tat? Was steckte da in den reformatorischen Gedanken, daß sie nicht als theoretisch-theologischer Disput im universitären Sondermilieu bzw. als klösterlicher Diskurs hinter Mauern entsorgt werden konnten, sondern schließlich Wirklichkeit als Institution gewannen - diesenfalls als Konfession und Kirche? Oder war es gar nicht allein die Berechtigung des Gedankens, der da durch öffentlichen Aushang zur Wirklichkeit drängte, sondern viel mehr noch die Lage der Dinge, die nach diesem Gedanken rief, ihn womöglich erforderlich machte?
Ich denke, man wird sagen können, ein Gedanke müsse in der Welt erscheinen wie gerufen, oder: er muß notwendig sein, um in der Wirklichkeit Fuß zu fassen. Und zum andern: Er muß im rechten Augenblick auftreten. Mit der hübschen Wendung Hegels: Sein Erscheinen muß fällig sein wie seinerzeit die Erfindung des explosiven Gemenges von Salpeter, Holzkohle und Schwefel, Schwarzpulver genannt, das pünktlich in dem Moment erfunden wird, da sich, im späten Mittelalter, das Rittertum historisch überlebt hat.
In eben diesem Sinn hat Hegel seine Abhandlung der Reformation in seiner Philosophie der Geschichte mit dem Satz eröffnet:

       „Die Reformation ist aus dem Verderben der Kirche hervorgegangen.”

Und ich ergänze: Sie hat die damals mächtigste Institution herausgefordert, und zwar in der Absicht, sie an ihren eigentlichen, zwischenzeitlich freilich vergessenen Auftrag zu erinnern. Und wenn ich nun auch noch ergänze, an was von Luther Kirche und Papst erinnert wurden mit jenen 95 Thesen, dann werden Sie unweigerlich als Oberton mithören, daß ich hier nicht etwa feiertagspflichtig vom Thema abkomme, sondern zwanglos zur Vorstellung der Philosophischen Praxis als „Beraterin der Wirtschaft” überleite. Luther nämlich - wenngleich aufgehängt und festgemacht am Tagesärgernis des Ablaßhandels - Luther erinnerte die mächtige Kirche daran, daß die Christen nicht der Kirche wegen da sind, sondern die Kirche der Christen wegen.
Und wenn ich nun vollends nicht scheue, aus Luthers Thesen den harten Kern herauszuziehen und ihn einmal nackt und bloß an die Rampe zu stellen, wird mit einem Schlage deutlich werden, daß uns in der Lage damals unsere eigene begegnet. Was Luther an den Pranger stellte, war: die Kirche hat aus dem Glauben ein Geschäft gemacht. Oder anders gesagt: Der Verfall der Kirche komme im Sieg des ökonomischen Kalküls zum Ausdruck. Schärfer formuliert und nur ein wenig nachgewürzt: Luther begriff - darin ein Oswald Spengler avant la lettre -, daß sich der Niedergang der Kirche in ihrem Triumph als wirtschaftlicher Betrieb verrät. Er sah: Das Geld diktiert, der Gewinn macht das gute Gewissen und der Geist ist ins Geschäft gesteckt. Lesen Sie seine 67. These nach, falls Sie meiner Zusammenfassung nicht trauen. Es ist jene eine These, in der sich der Mönch sogar zum letzten Mittel, nämlich zur rhetorischen Figur der Ironie hinreißen läßt. Sie lautet:

       „Der Ablaß, den die Ablaßprediger als »größte Gnaden« ausschreien, kann insofern tatsächlich dafür angesehen werden, als er ein großes Geschäft bedeutet.”

Das ist eine glänzend gesetzte Pointe: „die größte Gnade” als „das große Geschäft” - ein Zusammenhang, der anstandslos auch die Drehung vertrüge, wonach das große Geschäft die größte Gnade wäre.

Doch jetzt ist nicht der Zeitpunkt und noch weniger die Gelegenheit, Luthers Thesen vorzustellen und würdigend zu erläutern, was immerhin gestattete, sie als verblüffend gegenwärtig zu erweisen, gesetzt, man versteht es, ihnen aus dem historischen Kostüm zu helfen ...

Vielmehr erinnere ich nochmals an die Frage, um deren Beantwortung willen überhaupt das kalendarisch naheliegende Beispiel der Reformation bemüht wurde. Sie lautete: Was ist es, das einer Idee den Weg zu ihrer Verwirklichung bereitet? Und die erste Antwort, am Exempel der Lutherischen Reformation demonstriert, hieß: Die Realität muß reif für sie sein, wie die Idee ihrerseits „fällig”, erforderlich, notwendig sein muß, das Gedachte müsse also wie „gerufen” kommen, d. h.: im rechten Augenblick.

Nun habe ich diese Frage im Blick auf die Philosophische Praxis, wie sie sich zunächst vorstellte und etabliert hat, nämlich als Beraterin der Individuen, schon oft und in zahlreichen anderen Zusammenhängen beantwortet: Ich habe gezeigt, wie man den Menschen, der seelsorgerlichen Obhut entfremdet und zeitgemäß den Therapien ausgeliefert, dort, wo sie nun landen, Steine statt Brot serviert - und daß sie, die Helleren zumindest, dies eines Tages bemerken. Ich habe gezeigt, wie sie sich von Theorien über den Leisten schlagen lassen, auf den sie nicht passen, daß sie zu ihrem Unheil - von dem sie zunächst nichts wissen - beginnen, mit perversem Vergnügen ihre eigene Seele anzugraben (Nietzsche) und darüber zu sich selbst in ein Verhältnis geraten wie zu einer Sache, die sie zu erkennen und schließlich zu managen meinen, was sich als Verrücktheit rächt, sofern sie unerkannt bleibt - was leider oft der Fall ist, solange die neuen Priester über diese Schafe wachen. Doch darüber und die unendlich vielen anderen Aspekte, die hierhergehörten, werde ich heute abend kein weiteres Wort verlieren. Das ist, wie gesagt, an anderer Stelle abgehandelt. Auch, inwiefern die Philosophie, indem sie sich ihres praktischen Auftrags erinnert, auf diese Probleme die bündige Antwort gibt: mit sich selber nämlich, indem sie sich im beratenden Gespräch beanspruchen läßt.

Jetzt soll uns vielmehr das jüngste Kind der Philosophischen Praxis interessieren, die Philosophische Praxis als Beraterin der Wirtschaft. Was aber diesen Sproß der Philosophie anlangt, liegen die einmal ausgelegten Verknüpfungen zur Reformation in der Tat sehr nah. Ich will erläutern, warum.

Fällig wurde die Reformation, als der Mittelpunkt der damaligen Welt, der Glaube, unglaubwürdig wurde. Und jetzt? So wie einst der Glaube, jüngst die Politik, so ist heute „die Wirtschaft unser Schicksal”. Rathenau, der das Wort lanciert hat - wie bekannt als Überbietung jener Losung Napoleons, die er als „Weltgeist” im Gespräch unserem Dichterfürsten anvertraute: „Die Politik ist unser Schicksal” -, Rathenau hat womöglich gar nicht gewußt, als wie tiefsinnig sich einst sein Bonmot erweisen sollte, und zwar in unseren Tagen. Das Schicksal, das ist das Undurchschaute, Unberechenbare und nicht Vorherzusehende, das Unbeherrschbare, das seinerseits über allem und in allem herrscht wie einst der Gott, seine Macht aber einzig in seinen Wirkungen offenbart. Und dazu ist uns in der Tat die Wirtschaft geworden.

Wie es der hellsichtige Huxley in seiner „Brave New World” entwarf, steht die Welt inzwischen wirklich - statt im Zeichen des Kreuzes - im Zeichen des großen „T”, das Ford, der große Meister, 1908 der Welt mit seinem „T-Modell” gespendet hat. („Tin Lizzie”, 15 Mio. Exemplare) Das Kreuz ist morsch, die Farben in den Flaggen der Nationen sind verblaßt, darüber aber strahlen die Lichter der Reklame.

Und man könnte nun skeptisch fragen, ob das die Stunde der Philosophen ist ... Ja, antworte ich, es ist die Stunde. Und sie ist es, weil, wie damals das Haus des Glaubens, so jetzt die Paläste der Wirtschaft brüchig werden. Die Angst geht darin um, kaum einer in den oberen Etagen, den nicht der kalte Wind anbliese; es ist, als rüste man seit Jahren schon auf zum letzten Gefecht; die Wege werden eng; der Druck nimmt zu und wird allmählich unerträglich; die Jäger sehen hinter sich und sehen, daß sie selber die Gejagten sind; selbst wer vorangeht, stürmt, als sei er auf der Flucht; die Losungen, die ausgegeben werden, werden fast schon täglich ausgewechselt; was heute steht, kann morgen fallen; was in diesem Augenblick noch gilt, ist andern Tags schon kalter Kaffee; notdürftig wappnet man sich mit dem kältesten von allen Ungeheuern, dem Zynismus, der, weil er sich selbst nicht schont, bedenkenlos erlaubt, die kleinen Leute unten auszukehren: was man nicht braucht, ist Müll. Seit das große Tier, das auf seinen mächtigen Pranken im Osten auf der Lauer lag, verendet ist, seit das „geistige Tierreich” - wie Hegel die Wirtschaftsgesellschaft beschrieb - sein Widerlager los ist, dem es - für eine Weile jedenfalls - sein fragiles Gleichgewicht verdankte, von jenem historischen Augenblick an geht die Wirtschaft von Anker, bestimmt sie den Kurs und übernimmt sie das Ruder, und je mehr sie in Fahrt kommt, desto mehr gerät sie in hohe See und schlingert - und inzwischen weiß man sich nicht mehr anders zu helfen, als daß man Ballast abwirft. Das Kommando heißt: Rette sich, wer kann. Das Boot, in dem wir angeblich alle gemeinsam sitzen, ist längst nicht mehr für die Mannschaft da, sondern taxiert wird, wer fürs Boot an Bord gebraucht wird. War die Frage einmal, welche Verhältnisse menschlich seien, ist sie jetzt, wie man die Menschen verhältnismäßig macht, damit sie sich in den Betrieb stecken lassen. Kolakowski sagte (als der rote Riese noch im Amt war), der Kommunismus habe das Individuum verstaatlicht; wir machen das anders: wir verwirtschaften es. Und so sind wir wieder dort, wo schon einmal Luther stand, als er, vor einem knappen halben Jahrtausend, seine Thesen anschlug: Wie er die Kirche und den Papst daran erinnerte, daß die Menschen nicht um der Kirche willen, sondern die Kirche um der Menschen willen eingesetzt ist, so ist heute daran zu erinnern, daß die Gesellschaft nicht die Ressource der Wirtschaft ist, sondern die Wirtschaft umgekehrt die Ressource, aus der die Gesellschaft ihren Wohlstand schöpft.

Es ist gewiß kein Zufall - und wäre er's, dürften wir ihn einen glücklichen nennen -, daß es der Moralphilosoph war, Adam Smith, dem niemand die Ehre streitig macht, die moderne Nationalökonomie begründet zu haben. Mit ihm aber könnte sich eine heute fällige Reformation rüsten, die daran erinnerte, daß Smith die „Wohlfahrt der Nationen” auf drei Tugenden gegründet sah: auf die Klugheit, die das eigene Interesse zur Geltung bringt, auf die Gerechtigkeit („justice”), die die eigenen Interessen unter den Vorbehalt der Legalität stellt, und auf die „Güte”, ohne die das große Ganze sein mag, was es will, nur eines wäre es nicht: menschlich.

Was davon ist geblieben, seit nurmehr das Kalkül den Ton angibt, die ökonomische Vernunft, die - philosophisch strengeren Blicks besehen - gar keine Vernunft ist, sondern bestenfalls Verstand, in älterer Diktion: allenfalls Klugheit, und die ist schlimmstenfalls vom Raffinement nicht mehr zu unterscheiden? Was blieb, lesen wir täglich in der Zeitung, ist also bekannt, was noch nicht heißt, daß es schon erkannt wäre. Es blieb der gigantische Betrieb, nicht mehr unbedingt das stählerne Ungeheuer, das Weber einst sah, sondern das elektronische vielleicht, doch so oder so: Was sich, als Stimmung sogar, inzwischen niederschlägt, ist die Erfahrung, daß darin Tag für Tag die Freiheit schwindet; die wird wegrationalisiert.

Hegel hatte mit gebührendem Überschwang von der Reformation gesagt, mit ihr sei „das neue, das letzte Panier aufgetan”, um das sich nun „die Völker versammeln” würden, „die Fahne des freien Geistes”. „Die Zeit von da bis zu uns [habe] kein andres Werk zu tun gehabt und zu tun, als dieses Prinzip in die Welt hineinzubilden”. Das ist großartig formuliert, wie es dem Gegenstand angemessen ist. Und ich bin überzeugt, es ist richtig bis heute. Aufgegangen „als die alles verklärende Sonne” sei damals die Gewißheit, daß „der Mensch durch sich selbst bestimmt ist, frei zu sein”. Gegenwärtig aber erleben wir, wie diese Freiheit vom Schicksal, das uns die Wirtschaft wurde, aufgefressen wird. Auf die Dauer aber ist mit dem Menschen, der wahrhaft ein Virtuose des Ertragen und Leidens ist, eines nicht zu machen: man wird ihm auf die Länge die Freiheit nicht nehmen können, die ihm Jahrtausende verheißen und versprochen haben. Das ist gewiß.

Schon gar nicht wird das einer Gesellschaft gelingen, die sich selber beginnt, ökonomisch auszulegen. Dies kann nicht gelingen. Es kann nicht gelingen, weil wir, da uns täglich gepredigt wird, allein das wirtschaftliche Denken sei die Lösung, täglich die Nachricht hören, daß die Wirtschaft das Problem ist. Von Tag zu Tag mehr erweist sie sich als das Problem, als dessen Lösung sie sich anpreist. Was eine düstere Prognose gestattet ...

Übrigens - um einem hämischen Mißverständnis vorsorglich die Wasser abzugraben: Auch die Philosophische Praxis, die sich als „Beraterin der Wirtschaft” empfiehlt, kennt - en gros und en detail - die Lösung nicht, die sich vielmehr, nach aller Erfahrung, historisch ereignen wird. Doch aus unvergangener Erfahrung weiß sie einiges, was irritierend und hilfreich zugleich sein mag. So dies: Wann immer sich ein Prinzip, eine Denkweise, ein Paradigma, „absolut” zu setzen suchte, wann immer es sein Haupt erhob und alle andere Rücksicht ins zweite oder dritte Glied abdrängte, sobald einem beschränkten Geist die Macht zukam, allen anderen nur mehr die Mitsprache, nicht aber Mitentscheidungsrechte einzuräumen, bereitete er sich selbst den Untergang. Wenn aus Hegels großer Philosophie, satt von historischer Erfahrung, etwas zu lernen und zu bewahren ist, wenn sich etwas immer wieder aufs neue bestätigte und als Unhintergehbar aufdrängte, dann ist es dies - man könnte diese Erfahrung mystisch nennen, sollte es allerdings lassen, weil es mißverstanden werden könnte ... -: Alles Mächtige geht endlich an sich selbst zugrunde.

Das ist, um es noch einmal zu sagen, die Stunde der Philosophie. In einem solchen Augenblick wird sie berufen als Sachwalterin künftiger Einsicht und langer Perspektiven weit über den Tag hinaus, als Bewahrerin der längsten Erinnerung und damit als Skeptikerin den Parolen des Tages gegenüber. Sie ist berufen, Besonnenheit und Nachdenklichkeit zu befördern, wo sonst besinnungslos gemanagt wird. Und Verantwortung plausibel zu machen, wo sonst der Trend ist, sich den Zwängen und Mächten zu überlassen. Ihr Auftrag ist, an das zu erinnern, was den Betrieb rechtfertigt, dessen sich die Geschäftigen freilich entledigen möchten, um ihn anzukurbeln. Wir erleben gegenwärtig: Je mehr er auf Touren kommt, desto mehr kommen ihm unter die Räder. Die es erleben, werden nachdenklich. Sind sie's aber, sind sie auch schon die Freunde der Philosophie, dem Gedanken zugänglich.

Die sind's, mit denen das jüngste Kind der Philosophischen Praxis, die Philosophie als Beraterin der Wirtschaft, ins Gespräch kommen möchte.


(Sie können den Vortrag auch als Broschüren-Druck bestellen: siehe hier.)


© Dr. Gerd B. Achenbach,
Philosophische Praxis
Hermann-Löns-Str. 56 b,
51469 Bergisch Gladbach


 




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