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Gerd B. Achenbach

In Zusammenhängen denken – aber ...




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Aus Alt mach Neu
Zusammenhänge: Ein Fallbeispiel (eine Verliebtheit und ihre Folgen)
Lehren, Vorbehalte und Einschränkungen
Warnung
Und eine Empfehlung
Zum Schluß


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Vor allem sollten wir Trivialitäten nicht verachten: Das Einfachste entgeht uns leicht. Nichts aber ist so wirksam wie das Banale. Was übrigens im zweifachen Sinne gilt: Die simplen Richtigkeiten sind ebenso folgenreich wie ihre Verkennung schlimme Konsequenzen haben kann.



Aus Alt mach Neu



Allerdings: Wie stellt man es an, seine Zeitgenossen wieder einmal ans ABC zu erinnern, ohne sie zu kränken?
Als probates Mittel hat sich bewährt: Man lanciert das Altgewußte unter einem neuen Titel. Etwa so:

Ist es erfolgversprechend, zum abertausendsten Male ein Buch über das Glück zu schreiben? Angesichts des verbreitet empfundenen Unglücks und der nahezu allgemeinen Unfähigkeit, auch nur die elementarsten Regeln der Lebenskunst zu beachten – in Fragen der Lebensklugheit sind die meisten heute Analphabeten... –, sollte die Antwort lauten: ja, selbstverständlich.

Und doch wird einem solchen Buch keine gute Prognose gestellt werden können. Also entschloß sich kürzlich ein amerikanischer Psychologe und Philosoph, das alte Glück mit neuem Namen in die Welt zu schicken. Auf diese Weise frisch herausgeputzt, heißt es jetzt „Flow” – und hat so die Chance, für einige Zeit erneut die Gemüter zu erregen, was wünschenswert ist. Obendrein ist der geprüfte kleine Volksspruch ein weiteres Mal bestätigt: Altes klappert, Neues klingt.

Was aber ist zu unternehmen, wenn es darum zu tun ist, einige Stücke aus dem philosophischen Einmaleins erneut bewußt zu machen? Etwa daran zu erinnern, daß, wenn nicht alles mit allem, so doch immerhin sehr vieles mit sehr vielem zusammenhängt? Oder daran, daß sich kein Teil eines Ganzen ändern läßt, ohne das Ganze mitzuverändern und ebenso das Verhältnis der Teile untereinander in Mitleidenschaft zu ziehen?

Dann empfiehlt es sich, statt – wie gehabt und gewohnt – vom „philosophischen Denken in Zusammenhängen” zu sprechen, anstelle dessen eine möglichst funkelnagelneue Vokabel auf die Diskussionsforen zu schicken – und dann heißt dasselbe: „vernetztes Denken” oder „Denken in Systemen”.

Um kein Mißverständnis zu begünstigen: Die Etiketten sind mir herzlich einerlei! Und wenn die einfachen und ersten Annahmen besser in moderner Verpackung reüssieren, dann soll mir das modische Outfit recht sein. Ist das ein Fall von Ideen-Recycling?



Zusammenhänge:
    Ein Fallbeispiel („Verliebtheit und ihre Folgen”)


Auch wenn es meine Absicht ist, vor allem auf eine Gefahr und Versuchung hinzuweisen, die sich aus der gegenwärtig allenthalben ausgerufenen Parole ergeben, ein „neues” oder „vernetztes” Denken in Zusammenhängen sei nötig, will ich doch zunächst an einem Alltagsbeispiel erläutern, was gemeint ist. – Ich hoffe, ein ebenso unterhaltsames wie bekanntes Exempel vorzuführen, das außerdem den Vorzug genießt, nicht in allzu ausgetretenen Pfaden zu laufen. Mir jedenfalls bereitet die Netzwerk-Demonstration an Öko-Modellen mittlerweile Überdrußempfindungen.

Also einmal anders:

Der Fall sei, ein Mensch ist verliebt. Und um der Fiktion eine Portion gehöriger Komplikation mitzugeben, handele es sich um einen verheirateten Menschen, zu dem daheim ein gesetzlich angetrautes Weib und zwei eheliche Kinder gehören. Jetzt also, nehmen wir an, ist ihm Eros in den Weg geraten, und der hat ihn – mit üblichem Erfolg – aus der gewohnten Bahn geworfen.
Nun, fragen wir zuerst: Wie wird „der Fall” unserem Herrn X erscheinen?

Für ihn – das ist zumindest die gewöhnliche Begleiterscheinung frisch ausgebrochener Verliebtheit – „gibt es nur eines”, und das ist „sie”. Alles dreht sich also um die Freundin, die (in nennenswert heftigen Fällen) für eine Weile alles andere absorbiert: Da ist sie, und was es sonst noch an weltlichen Belangen geben mag, verliert sich für den Liebenden in einem unbestimmten Dunst und rangiert primär unter der Sammelrubrik „Probleme und Hindernisse”, stellt sich also als lästige Summe von Ärgernissen dar, die irgendwie bewältigt, durchgestanden oder nebenbei erledigt werden müssen.

Kurz, für unseren Probanden gilt: Das eine sieht er, und für andres ist er blind. Ein Zustand übrigens, den viele Menschen als besonders angenehm erleben und wohl überhaupt als Glück genießen.

Wir aber treten einige Schritte zurück und denken, wie es sich zeitgemäß gehört, „in Zusammenhängen”...

Das Glück der zwei hat also Folgen, im Jargon der Theorie: unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Und die sind so zahlreich, daß ich kein Ende fände, wollte ich sie annähernd vollständig aufzählen. Darum beschränke ich mich auf eine kleine Auswahl.
Das Glück der neu Verliebten draußen bringt Unglück daheim. Die Ehefrau befindet sich nach einer Weile in „depressiver Verfassung”, wie sie sagt, und sucht die Praxis eines Psychotherapeuten auf. Das Resultat (neben allerlei erfreulicher Gelegenheit, „einmal alles auszusprechen”): Das ohnehin durch den erotischen Zusatzbetrieb überforderte Haushaltsbudget unserer Demonstrationsfamilie wird monatlich mit weiteren 1.100,00 DM belastet, das des Psychotherapeuten um denselben Betrag (abzüglich anfallender Abzüge) verbessert: ein zum Bruttosozialprodukt beitragender Transfer.

Da der Therapeut jedoch die neue Klientin „zusätzlich” angenommen hat, wird wiederum die Geduld der Therapeutengattin überstrapaziert: Sie hat jetzt „endlich genug” und „denkt nicht mehr daran, das so weiter mitzumachen”. Zum Verständnis dieses Ausbruches sei erwähnt, daß sich jene Gattin dazu verurteilt empfindet, zuhause das geduldige Frauchen zu spielen, während der Gatte „mit seinem Beruf verheiratet” und „den lieben, langen Tag für andere da ist”. In der eigenen Familie hingegen spiele er nur noch eine Gastrolle, und das sei nicht hinzunehmen. Ergo: Die Ehe des Therapeuten kriselt, was sich schon bald nachhaltig auf die anderen Behandlungen auswirkt, so daß sich die eine und andere Kur hinzuschleppen beginnt (wie der Therapeut im Supervisionsgespräch berichtet, das er deshalb aufgesucht hat) und den betroffenen Patienten höhere Kosten entstehen usw.

Doch zurück zu unserem Verliebten. Seiner Geliebten verhilft er tatkräftig zur ersehnten neuen Wohnung. Schließlich wollen es sich die zwei in den wenigen Stunden, die sie gemeinsam verbringen können, auch ein bißchen schön machen. Also kündigt sie den Mietvertrag ihres Appartments, was für den Vermieter ein Glücksfall ist, denn der benötigt flüssige Mittel, die er sich jetzt durch Verkauf der Immobilie (in geräumtem Zustand) beschaffen kann.

Die Freundin selbst hingegen wird Konsumentin eines ovulationshemmenden Präparats, das sie nicht verträgt und darum sogleich wieder absetzt. Mittlerweile aber hat der zwischenzeitliche chemotherapeutische Eingriff in ihren Hormonhaushalt die körpereigenen Rhythmusprogramme irritiert, und obwohl sie „doch sonst immer genau wußte, wann es soweit war”, irrt sie sich jetzt. Mit andern Worten, es kommt zur Konzeption; zu deutsch: ein Kind wird gezeugt.

An dieser Stelle rasch eine kleine Zwischenerkundigung: Woran haben unsere beiden Lieben in jener Nacht gedacht? Nun, ganz gewiß nicht daran, daß von jenem Augenblick an die viele Generationen umfassende Geschichte der Familie Y beginnen würde, deren Kinder, Enkel, Urenkel und sonstigen Verwandten sich 83 Jahre später in einem Provinznest im Westen der USA, vom Kirchhof zurückgekommen, als Trauergemeinde in der Ortsgaststube an langen, gedeckten Tischen versammeln. (Es werden alles in allem siebenundsechzig Personen gezählt!) Man hat soeben den lieben Vater, Großvater und Urgroßvater, Onkel, Großonkel, Schwiegervater, Unternehmensgründer (Fa. Z) und Aufsichtsratvorsitzenden der Fa. Abece zu Grabe getragen, der in jener Nacht in der kleinen neuen Wohnung, in der es noch nach Farbe und Tapetenrollen roch, gezeugt wurde. (Von Herrn X und seiner Freundin ist im Kreis der Trauernden übrigens nichts mehr bekannt...)

Der später auf diese Weise vergessene Kindsvater, um den es uns jedoch in unserem Fallbeispiel vorrangig geht, hält es jetzt (also 83 Jahre und neun Monate vor jenem fernen Ereignis) nicht mehr aus in seiner Firma, wo sie ihm seit geraumer Zeit soundso schon auf die Nerven gehen und ihm nun auch noch kleinlich „Schwierigkeiten machen, nur weil er 'ein paar Mal' während der regulären Arbeitszeit privat telefoniert hat” usw. Daß mit dieser Lächerlichkeit der Ausfall eines für den Betrieb wichtigen Auftrags zusammenhängen soll, wie die Geschäftsleitung behauptet, ist natürlich absurd; doch so oder so: Am Ende des Streits steht die Kündigung des Arbeitsvertrages in wechselseitigem Einvernehmen, was der Firma endlich gestattet (eine Gelegenheit, auf die man in Wahrheit schon lange gewartet hatte!), sich nach einem neuen Abteilungsleiter umzusehen.

Und siehe da, wie das Leben so spielt: Der neue Mann und Nachfolger unseres Herrn X wird sich als wahrer Glücksgriff erweisen und schon nach wenigen Jahren dem Senior und Chef den erwünschten Gang in den Ruhestand erleichtern, während er selber den Betrieb übernimmt, zu ungeahnter Blüte bringt und später in eine AG umwandelt. Die Karriere des Unternehmens führt übrigens, um ein einziges Detail noch zu erwähnen, zur Übernahme einer kleineren Firma im Westfälischen, deren Sanierung – es handelt sich um ein traditionsreiches, inzwischen etwas altständisch-behäbig funktionierendes Familienunternehmen – die „Freisetzung” einiger Arbeitnehmer mit sich bringt, die dem Betrieb zum Teil schon lange angehörten. Einer der Entlassenen wird mit seinem Schicksal nicht fertig, verfällt dem Suff und geht schließlich elend unter.

Ist mittlerweile klargeworden, daß mehr im Spiel ist und auf dem Spiele steht als „nur” eine Verliebtheit zwischen Mister X und seiner jungen Freundin? Dabei habe ich, abgesehen von einigen dramatischen Nebenfolgen, die sich als Familientragödien abspielten (ödipale Katastrophen für die beiden Kinder daheim, spätere Unglücksbeziehungen der beiden zu ihrem nachgezeugten Halbbruder, der schließlich in die USA auswanderte – s. o.), eine unübersehbare Fülle unzähliger Kleinigkeiten übergangen, die eigentlich ebenfalls eine Würdigung verdienten: Das gemütliche kleine Restaurant des alten Griechen am anderen Ende der Stadt hat ein neues Stammkunden-Paar; die jahrelang quälenden Verdauungsstörungen des Herrn X, die sich bereits als behandlungsresistent erwiesen hatten, sind „mit einem Male” und „wie durch ein Wunder” behoben (ein Fall von bestätigter Psychosomatik); diese eigentlich erfreuliche Entwicklung und Nebenwirkung des, alt-ethisch betrachtet, zweifelhaften Treibens von Herrn X mit seiner Liebesfreundin irritiert wiederum das traditionsverbundene medizinische Weltbild seines Hausarztes, der von solchem Quatsch nichts hält; und die süße, kleine Boutique, die auf die derzeitige zweite Lebensgefährtin unseres Herrn X schon lange eine bedeutsame Anziehungskraft ausgeübt hatte, gewinnt eine zahlungskräftige Kundin hinzu, während seine eigene Limousine, die bis dato durch eine dauerhafte Feinschicht von Dreck geschützt war, nun vermehrt durch die Waschanlage gefahren wird, wodurch ihr Lack stark angegriffen und schließlich stumpf wird.

Ich will nicht vergessen hinzuzusetzen, daß umfangreiche Ausflüge zu zweit (auch lange Strecken werden nicht gescheut, um einen gemeinsamen Tag am Meer zu verbringen) die monatliche Kilometerleistung drastisch erhöhen, was einen, wenn
auch unscheinbaren, Beitrag zum Verbrauch fossiler Ressourcen leistet, X Gramm der Stoffe Y und Z zusätzlich freisetzt, und damit --- aber hier kann ich abbrechen, denn was diesbezüglich weiter vor- und auszurechnen wäre, ist gegenwärtig ohnehin überall Tagesgespräch...



Lehren, Vorbehalte und Einschränkungen


Ist diese kleine erfundene Geschichte lehrreich? Ich denke wohl, daß sich eine erste Lehre aus ihr ergibt, vorausgesetzt, dem Leser hat sich der Eindruck ergeben, hier seien von mir nur unscheinbare Ausschnitte aus einer unendlich fortsetzbaren Vernetzungsgeschichte entworfen worden. Dann wäre zugleich begriffen, woran mir zuerst gelegen ist: Alle Wahrnehmung von Zusammenhängen, einmal in Gang gebracht, tendieren zur „unendlichen Geschichte”. In den unendlichen Geschichten aber gibt es kein Ankommen, sondern in ihnen verlaufen wir uns. Das heißt: Sie verhelfen uns nicht zur Orientierung, sondern irritieren die Richtungssinne, die auf eingeschränkte Horizonte, überschaubare Lebensweltausschnitte und relativ feste Perspektiven angewiesen sind.

Conclusio: Wer sich tatsächlich darauf einläßt, die Sachverhalte aus ihrer Isolation herauszunehmen und in jenen Zusammenhängen zu denken, in die sie tatsächlich mit anderem geraten, gewinnt keine Übersichtsgewißheit hinzu, sondern vermehrt die Irritation. (Was in einigen Fällen gut sein kann.)
Zweite Frage. Was sind das für Zusammenhänge, die ich in jenem fingierten Falle ausphantasiert habe?

Die allgemeinste Antwort könnte lauten: Sie sind mehr als bloßer Zufall und weniger als pure Notwendigkeit. Ich schlage vor: sie sind „plausibel”, und das heißt: sie lassen sich „vernünftig rekonstruieren”. Sie gehorchen einer nacherzählbaren Vernunft. Mit anderen Worten: Vorhersagbar an dieser vielfältig „vernetzten” Geschichte (die in Wahrheit eine Fülle verschachtelter Geschichten ist) ist wenig oder nichts. Wohl aber ist, was da geschieht, wenn es denn geschehen ist, „einleuchtend”. Oder: Kaum sind Gesetze, wohl aber sind Wahrscheinlichkeiten im Spiel.

Ich erwähne das, um meinen Zweifel an der Vorstellung zu begründen, es lasse sich – über bescheidene Anfänge und kleine Ausschnitte hinaus – tatsächlich in Zusammenhängen „denken”. (Das erlauben allenfalls die hübsch-sauberen kybernetischen Modelle in den einschlägigen „Lehrbüchern”...) Eher wohl ist eine phantasiebegabte Vorstellungskraft erforderlich, wenn es darum geht, aus den Gefängnissen allzu eingeschränkter Kalküle, Rechenspiele und schlichter Ursache-Wirkung-Ketten herauszukommen. – Das ist das zweite.

Ein anderes und drittes ist wichtiger: Die kleine fingierte Geschichte dürfte verdeutlicht haben (jedenfalls war dies Erzählabsicht), daß es kein wißbares oder wahrnehmbares oder erkennbares „Ganzes” gibt, in dem alle Ereignisse und Zusammenhänge unterzubringen wären.

Das bedeutet: So „sinnvoll” durchaus sein mag, was da als Vielfalt des Geschehens geschieht – so läßt sich doch dem Ganzen kein „Gesamtsinn” abgewinnen. Alle Hoffnung auf einen Hyper- oder Mega-Sinn, unter dem alles zu versammeln wäre wie unter einem Dach, bleibt unerfüllt. Das heißt, die einzelnen Ereignisse, tausendfältig „relativ” – also in tausenderlei Beziehungen und Zusammenhängen verfangen und verheddert – sind von keinem Ober-Aufsichtspunkt aus letztgültig zu bewerten und einzuschätzen. Ergo: Das „Denken in Zusammenhängen” führt aus den (vielfach beklagten) Relativitäten nicht heraus – sondern tiefer hinein. (Und nochmals: Was in einigen Fällen und manchmal gut sein kann.)



Warnung


Eben diese Erfahrung, die den Menschen nicht erspart bleibt, sobald sie – was gegenwärtig geschieht – mit dem Anspruch zu Werke gehen, das isolierte, in Disziplinen verhauste Denken müsse aufgegeben und statt dessen in Systemen, Wechselwirkungen, Rückkopplungen, Vernetzungen etc. gedacht werden –, eben diese Erfahrung birgt jene Gefahr und Versuchung in sich, vor der ich warnen möchte.

Ich meine die Verführung durch die hybride Idee, es lasse sich – wenn nur erst das „neue Denken” eingezogen sei – in fällig-angemessener Weise „das Ganze in seinen Zusammenhängen” denken und begreifen und, schlimmer noch: vorsorglich planen... – etwa gar im Sinne einer im Blick aufs Große und Ganze wahrgenommenen Weltverantwortung.

Sobald die Menschen beginnen, in dieser Weise Gott zu spielen, läuft es auf die schlimmste Teufelei hinaus. Zur Illustration dieser Gefahr hält die Geschichte wahrhaft imposante Beispiele bereit...



Und eine Empfehlung


Selbstverständlich schließt diese meines Erachtens heute nötige Warnung nicht die Empfehlung ein, nun umgekehrt jeden bei seinem Leisten zu belassen, und schon gar nicht ist beabsichtigt, der Beschränktheit des Ressordenkens, simpler Eigeninteressen und sonstiger Borniertheit ein gutes Gewissen zu machen.

Also wohl ist wichtig, über den Tellerrand hinauszusehen, wie das hübsche Bild sagt, ebenso wichtig aber ist es, sich vor der Illusion zu bewahren, wer über den Rand des Tellers blicke, habe damit zugleich „die ganze Welt” im Visier. Er sieht nur ein bißchen weiter – was zwar zu loben, aber immer noch Anlaß genug zur Bescheidenheit ist.



Zum Schluß


Übrigens eine Frage zum Schluß: Was täte unser Herr X, wäre er in der Lage, sich jene größeren Zusammenhänge vorzustellen, in die ihn seine kleine amoralisch-amouröse Story verstrickt?
Ich vermute: Er verfiele ins Grübeln und in lebensabträgliche Nachdenklichkeit, und schon bald wäre er für das Liebesabenteuer im aparten Nest so unbrauchbar wie für die Freuden und Pflichten als Familienvater, wie es früher hieß.
Es sei denn, er zöge aus der zeitweise ausphantasierten Übersicht die Einsicht, der sich die Heiterkeit verdankt, die philosophische Tugend fortgeschrittener Lebenskunst. Es wäre ihm dann die ewige „comédie humaine”, die sich da als Prospekt entfaltet – und wir mischen irgendwo mit, winzig, verschwindend, aber – so betrachtet – eigentlich auch und irgendwie rührend mit anzusehen.

Dieser Blick, soviel zuletzt, wäre nicht nur für Verliebte heilsam. Sofern wir ihn uns zumindest von Zeit zu Zeit einmal gestatten, ist er auch anderen Besessenen zu empfehlen: seien es nun Geschäftsleute oder Politiker, Ingenieure, Wissenschaftler, Planer – oder: die neuen Propagandisten des „vernetzten Denkens”, mit dem die Welt von allem Ungemach befreit, lästiger Dysfunktionalitäten entledigt, von Systemschäden entsorgt – kurz, endlich doch noch gerettet werden soll.


Zuerst erschienen in „Der Karriereberater” 5/1991, S. 129 - 137
 




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