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Philosophisch betrachtet ...

Gerd B. Achenbach

Die Zeitauffresser



Was ist da los? Da erfinden wir unablässig neue Zeitsparmaschinen - und das Resultat? Je mehr Zeit wir sparen, desto weniger Zeit haben wir. Automaten waschen-spülen-trocknen, rechnen, kalkulieren, schreiben die Rechnungen für uns; statt gemächlich mit der Pferdekutsche zu reisen, rasen wir im Hochgeschwindigkeitszug über Hochgeschwindigkeitstrassen; statt einen Brief mit der Feder auf Papier zu schreiben, verschicken wir blitzschnelle eMails; Waren produzieren wir am laufenden Band und in Massen und immer schneller; die Maschinen tackern, die Meldungen tickern; was bemerkt werden will, wird als „neu” annonciert (und sieht im nächsten Augenblick alt aus), „Innovation” heißt die Losung - und so geht’s hopp-hopp, heute „in”, morgen „out”. Die Welt ist auf die schiefe Bahn geraten. Wie kommt’s?
Ich wage zwei Erklärungsvorschläge.
Zum einen: Die Moderne verkennt die Zeit als schwindenden Vorrat. Zeit wird aufgefaßt als etwas, das man nutzen muß, solange man sie hat. Noch hat. Wer sie „verstreichen” läßt, „vertut” sie sinnlos. Und? Ist etwas falsch daran? Nicht nur etwas... Denn wahr ist: Zeit ist einzig für uns „da”, sofern wir sie uns „nehmen”, sie uns „lassen”, „gönnen”, „einzuräumen” wissen. Wer sich niemals Zeit ließ, hat nie Zeit gehabt. Wer sich niemals Zeit genommen hat, hat keine bekommen. Also: Wer hetzt, gewinnt keine Zeit, er frißt sie auf, vertilgt, verscheucht sie. Zeit - merken wir uns das - ist ein scheues Wild. Wer hecktisch ist, verjagt sie.
Zum andern: Die Neuzeit befindet sich im Aufstand gegen die Zeit. Wie geht das, und wie sieht das aus? Glaubt nicht der moderne Mensch, er gehe „mit der Zeit”? Ist das nicht sein Stolz und seine Tortur, sein Muß und seine Geißel? Erkundigst du dich nun, wohin er denn unterwegs sei, indem er „mit der Zeit” geht, erhältst du zur Antwort: Er gehe der Zukunft entgegen. Und? Ist das falsch? Allerdings! Grundfalsch sogar. Denn wahr ist: Zukunft ist die Quelle der Zeit, sofern sie fließt, und sie mündet, ist sie verflossen, in den Weiten der Vergangenheit. Hören wir Schiller: „Dreifach ist der Schritt der Zeit: / Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, / Pfeilschnell ist das Jetzt verflogen, / Ewig still steht die Vergangenheit.” So ist es richtig: Zukunft ist nicht das Wohin der Zeit, sondern ihr Woher, ihr Reservoir. Und das, was „vor uns liegt” (was „vorliegt”), ist nichts Zukünftiges - von dem wir vielmehr gar nichts wissen -, sondern das, was wirklich wurde. Kurz: Wer in Wahrheit mit der Zeit geht, hat seine „Vorfahren” vor Augen, denn wo die bereits sind, werden wir erst sein, weshalb wir „die Nachfahren” heißen und „Nachkommen” sind.
Merke: Wer bloß Augen hat für das, was aussteht und erst kommen soll, wird mit jedem Tag, der vergeht, um einen Tag ärmer. Dem wird die Zeit knapp.
Doch wer begriffen hat, daß alles, was ihm zu leben vergönnt war, sein Leben ist, der wird mit jedem Tag, der ihm geschenkt ist, um einen Tag reicher. Dem verrinnt die Zeit nicht, den erfüllt sie. Dem fließt sie zu. So gewinnt er sie.



Erschienen in "Promotion Business" 4/2007


Wer die Theorie der Zeit, die hier bloß angedeutet werden konnte, näher kennenlernen möchte, findet sie in meinem Buch: „Das kleine Buch der inneren Ruhe”, erschienen im Verlag Herder.
 




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