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Philosophisch betrachtet ...

Gerd B. Achenbach

Das „Wir-Gefühl”



Ich gestehe, ich liebe die knappen Titel. Statt „Wir-Gefühl” wäre Wir eine Überschrift nach meinem Geschmack. Außerdem: Ist ausgemacht, daß „das Wir” im Gefühl zuhause ist? Ist es womöglich verläßlicher, solider im Bewußtsein daheim? Ist „Wir” statt „Ich” zu denken (und danach zu handeln) vielleicht sogar eine moralische Frage? Und manchmal eine Ausrede?
Das nächste Problem: „Wir” - was soll das sein? Der eine sagt „Wir” und meint seine neue Freundin und sich. Der andere denkt, wenn er „Wir” sagt, an seine Familie. Apropos Familie - die klassische „Wir”-Vertreterin, das „Ur-Wir” gewissermaßen ... Wer gehört dazu? Sind „Wir” nur Vater-Mutter-Kind beziehungsweise Vater-Mutter-Kinder (falls vorhanden)? Oder müssen auch die Schwiegermutter, der Onkel „um drei Ecken” sowie die angeheiratete Tante mitgerechnet werden? Und wie viele Generationen der Vorfahren zählen dazu? Was ist schließlich mit den (vielleicht noch gar nicht vorhandenen) Enkeln, den Ur-, den Urur-, den Urururenkeln, die womöglich später einmal die Familie bereichern? Merke: Wer „Wir” sind, ist womöglich eine Grenzziehungsfrage. Grenzen aber lassen sich so und anders ziehen. Zum Beispiel eng oder weit, scharf oder weich, strikt beziehungsweise tolerant. Was meint beispielsweise das Wir-Gefühl zur Schwiegermutter-Frage, sofern jene Anverwandte unbeliebt sein sollte? („Wenn die kommt, ist bei uns die Stimmung im Keller.”)
Schauen wir uns das enge und das weite Wir an. Einer sagt: „Wir Kölner”. Ein zweiter: „Wir Rheinländer”. Ein dritter: ”Wir Deutschen”. Ein vierter: „Wir Europäer.” Ein fünfter: „Wir Menschen.” Ehemals, als europäische Imperien Kolonien eroberten, sagte mancher: „Die Schwarzen” und damit zugleich „Wir Weißen”.
Das sieht einfach aus. Ist es aber nicht. Nehmen wir den „Kölner”: Ist einer, der sich, aus München kommend, beim Bürgerbüro als Zugezogener meldet, bereits Kölner? Oder ist er einstweilen nur ein Münchner in Preußen? Ab wann geht er als Kölner durch? Und was ist, wenn er sich endlich als Kölner fühlt: Genügt sein Empfinden? Oder gehört er erst dazu, wenn die andern, die zweifelsfreien Kölner und anerkannt Einheimischen, ihn als „eene kölsche Jung’” akzeptieren?
Was benennt nun eigentlich, wer „Wir Bäcker” sagt - und ein anderer sagt „Wir Soziologen”, einer sagt „Wir Turner”, einer „Wir Alkoholiker”, einer „Wir Nicht-Raucher”, ein wieder anderer „Wir Christen”, eine sagt „Wir Frauen”, eine „Wir Lesben”, eine „Wir Mütter”, und einige gibt’s, im Nordosten Kölns, in Leverkusen, die sagen: „Wir bei Bayer”?
Für alle diese „Wirs” gibt es einen vornehmen Begriff, der uns schon deshalb willkommen ist, weil er für Abwechslung sorgt: Identität.
Identität nämlich ist die Antwort, die wir geben, wenn man uns fragt, wer wir sind. Fragt man uns aber danach, nennen wir Zugehörigkeiten. Wir sagen, zu welchem „Wir” wir gehören. Unser Vorname teilt mit, wie uns die genannt haben, die uns erst erwarteten und dann „bekamen”. Unter unserem so erhaltenen Namen wurden wir in ihr „Wir” aufgenommen. Unser Nachname bezeugt, zu welcher Familie wir gehören, oder „woher wir stammen”. So die Profession, die Nationalität, womöglich unsere Unternehmenszugehörigkeit, so unsere Vorlieben und Bekenntnisse, sogar unsere Krankheiten und Schwächen: lauter „Wirs”, lauter Identitäten.
Und nun? Thema durch? Natürlich nicht. Wer interessierte sich wohl für Wir-Gefühle, wäre nicht offenkundig, daß sie überall ausdünnen, fadenscheinig werden, sich verflüchtigen? Wie beispielsweise soll sich ein Empfinden der Zugehörigkeit zu einem Unternehmen ergeben (oder auch nur bewahren lassen), wenn niemand weiß, in welchem Rachen morgen oder übermorgen dieses Unternehmen verschwinden wird? Wer wird sich mit einer Firma identifizieren („Wir” sagen und empfinden), in der die Vorstände kommen und gehen, heute diese, morgen jene „Investoren” den Ton angeben und die Zugehörigkeit der Mitarbeiter eine Frage der Finanzkalkulation ist? Wer wird sich auch nur mit einem „Projekt” identifizieren („Das ist unsere Sache”), wenn er tagtäglich belehrt wird, daß Projekte in immer dichterem Takt ausposaunt und noch schneller zurückgepfiffen werden? Nimmt die Sicherheit und Voraussehbarkeit der Institutionen ab (Institutionen sind Wir-Einrichtungen), schwinden ebenso die mitlaufenden Wir-Gefühle. Ein soziales Catch-as-catch-Can macht sich breit, jeder ist sich selbst der Nächste, ein jeder denkt, sein Hemd sei ihm näher als die Jacke, und Bindungen, die mit einem „Wir” verknüpften, werden gelockert. Wer Angst hat, morgen könne man ihn fallen lassen, geht seinerseits auf Distanz.
Und dann: Nimmt das Gefühl ab, wirklich dazuzugehören (zu dieser Konfession, Partei, Berufsgruppe, Firma, Familie usw.), nimmt die Neigung zu, die Zugehörigkeiten zu vermehren. Das ist die Stunde der Clubs, der unverbindlichen Partnerschaften, der Jobs und Gelegenheitsengagements. Das Lebensgefühl „Heute-so-morgen-so-Was-soll’s?” macht sich breit, ein allgemeines Hier-und-dort greift um sich, ein Überall-und-Nirgends wird die Regel. Das Leben beginnt erst zu flackern, dann zu flimmern, und schließlich verpufft’s. Jetzt gehört es zu dem großen, vorläufigen „Wir der Lebenden” nicht mehr. Doch zu den Toten? Ja - wie denn? Sollte es ein „Wir-Gefühl” der Toten geben? Dann wären sie die Toten nicht.

(Leicht gekürzt) erschienen in "Promotion Business" 1/2007
 




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