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Gerd B. Achenbach

Liebe



Was ist nicht alles von der Liebe gesagt, ihr nachgesungen und angedichtet worden! Daß sie der "Endzweck der Weltgeschichte" und "das Amen des Universums" sei, den Menschen sehe sie, "wie Gott ihn gemeint hat", und Goethe widmet ihr die Zeilen:

      Krone des Lebens,
      Glück ohne Ruh,
      Liebe, bist du!

La Rochefoucauld hingegen hatte gewitzelt, mit der Liebe sei es wie mit den Gespenstern: alle reden davon, keiner hat sie gesehen; während sie die Weisheit des Orients mit dem Mond verglich: nehme sie nicht zu, nehme sie ab. Die Oper stattete sie mit "bunten Flügeln" aus, die Operette kürte sie zur "Himmelsmacht", und Don Giovanni, den Liebling der Frauen, soundso eher Beute als Jäger, verschluckt zuletzt "der tiefste Schlund der Hölle" zur Strafe für seine Amouren. Wer wird aus der Liebe schlau? Wer will es auch nur? Könnte es sein, daß wir gar nicht aus ihr klug werden sollen? Daß, wer sie predigt, ihr den Stachel auszieht, wer sie erziehen möchte, ihr die Unschuld raubt, und Theorie sie tötet?

Wie also? Gehört die Liebe ins Hohelied, in die Schnulze oder in den Spottvers des Gassenhauers? Einer hat gelästert, wir lebten im Zeitalter des real existierenden Schlagertextes: die Romantik habe gesiegt, die Therapeuten kassieren. So spricht, wer sich von den Traumfabrikanten nichts vormachen läßt und statt dessen fordert, über Liebe aufzuklären. Das aber geschieht nicht im volkstümlichen Predigtton, womit der verstockten Lesergemeinde eine vermeintliche "Kunst des Liebens" eingeschärft wird, sondern da ist vor allem ein historischer Rückblick erforderlich.

Etwa der, daß für die Alten, die Antike, für die Griechen und Römer die Liebe "Liebe zum Guten" war. Eros dachten sie sich mithin als angezogen und betört vom geliebten Gegenstand. Geliebt wird, was geliebt zu werden verdient, hieß die Devise. Was nur die Frage offen ließ, was es ist, das eine Sache oder einen Menschen liebenswert macht.

Das wiederum ist keine Frage im Falle der romantischen oder modernen Liebe. Jetzt wird nicht geliebt, weil das (oder die) Geliebte liebenswert ist, sondern es oder sie sind liebenswert, weil sie geliebt werden - und: solange die Liebe währt ... Liebe reagiert nicht mehr auf das Ausgezeichnete, sondern Liebe zeichnet aus. Sie sagt nicht (wie es noch bei Platon hieß): Ich liebe dich, weil du schön bist. Sie sagt: Weil ich dich liebe, bist du für mich schön.

Hat man übrigens bemerkt, daß diese späte Vorstellung von der Liebe ein sonderbares frühes Vorbild hat? Es war der Gott des alten Bundes, jener Gott der abstrusen Vorliebe für ein Völkchen unter den Völkern, der von sich verkünden ließ:
"Ich gebe Ägypten als Lösegeld für dich, Kusch und Seba an deiner Stelle. Weil du teuer bist in meinen Augen ... und ich dich lieb habe, so gebe ich Menschen hin an deiner Stelle und Völkerschaften anstelle deines Lebens." (Jes. 43)

Ein klassischer Fall jener grandiosen Ungerechtigkeit, in der sich die Verliebten aller Zeiten gefielen. Wird etwa Israel geliebt, weil es liebenswert wäre? Keineswegs! Göttlicher Eigensinn gefällt sich darin, mit seiner Liebeswahl auszuzeichnen, vorzuziehen, auszuerwählen. Und dies grundlos. Was der Geliebten schmeichelt: "Er hat nur Augen für mich", sagt sich die Geliebte, "und den andern zeigt er die kalte Schulter. Außerdem ist er 'eifersüchtig', wie er mir beteuert. Also will er, daß auch ich nur Augen habe für ihn. Was scheren mich mithin die andern?"

Die rücksichtslose Einseitigkeit solcher Liebe wird später der "alte Papst" in Nietzsches Zarathustra so kommentieren:

      "Wer ihn als einen Gott der Liebe preist,
      denkt nicht hoch genug von der Liebe selber."

Aha? Wie ist denn "von der Liebe selber" zu denken? Vielleicht so, daß sie ihre alte Einseitigkeit abgetan haben muß, um weiterhin als Liebe zu gelten? Daß es mit jenem Grundsatz "Liebe dem Nächsten, Verachtung dem Fremden" vorbei sein und das Gebot der Feindesliebe an die Stelle getreten sein muß? Hat also auch die Liebe eine Taufe nötig, die von den Grillen des Verliebten wie vom Dünkel der Geliebten reinigt? - Ja. - Und wie sähe die getaufte Liebe aus?
Sie hätte den Schatten verloren, den alle Verliebtheit wirft. Die auserwählende, vorziehende, die auf das Geliebte fixierte Liebe nämlich ist ihrerseits lieblos, eine fürchterliche, unbarmherzige, herzlose Liebe: Augen hat sie nur für ihre Liebe, alles andere versinkt ihr im Dunklen. Das aber ist der eigentliche Gegensatz der Liebe: nicht der Haß, nicht die Verachtung, sondern Gleichgültigkeit, Desinteresse, Kälte.

Was werden wir nun sagen? Wie den Alten die Liebe "Liebe zum Guten" war, sei uns zu lieben selbst das Gute? Schon. Doch dann werden wir näher hinsehen und unterscheiden, denn wir wissen, es gibt auch eine enge, einseitige, blinde, eine "eifernde", selbstherrliche und selbstgerechte, darum herz- und lieblose Liebe.
Die geläuterte Liebe aber zeichnet nicht aus und schreibt dort ab, zieht nicht vor und setzt dort zurück, hört nicht mit dem einen Ohr, taub auf dem andern.
Sondern, wie der geborene Saulus in einem Brief nach Griechenland schrieb: Sie eifert nicht und läßt sich nicht beirren, ist nicht verbittert und rechnet nicht nach, bläht sich nicht auf, ist geduldig, hofft und glaubt.

Und die Philosophen? Hatten nur einen andern Namen dafür. Sie nannten solche Liebe Weisheit.


Zuerst erschienen in: "Mit einem weiten Herzen. Haltungen, die gut tun", hg. v. R. Walter, Freiburg 2005, mit Beiträgen u.a. von Norbert Blüm, Hans Maier, Friedrich Schorlemmer, Annette Schavan, Wolfgang Thierse, Karl Kardinal Lehmann, Horst Seehofer, Wolfgang Schmidbauer, Rupert Neudeck, Wolfgang Huber, Hans Küng, Fulbert Steffensky
 




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