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Gerd B. Achenbach

Gleichheit



   Aus der unendlichen Geschichte eines Postulats



1. Ein andermal aber gab er ihnen dieses Gleichnis:
„Es war einmal ein böser König, der hatte drei Söhne. Eines Tages, da er sich gerüstet hatte, die Nachbarvölker zu überfallen, um sie sich dienstbar zu machen, rief er seine Söhne vor seinen Thron und sprach: ›Seht, einem jeden von euch gebe ich zehn Pfund. Handelt damit, bis ich wiederkomme.‹
Damit zog er hinaus und unterwarf die Völker, auf die er sein Auge geworfen hatte.
Übers Jahr aber kehrte er wieder, forderte seine Söhne vor seinen Stuhl und sprach zu ihnen: ›Laßt sehen, was ihr mit den Pfunden, die ich euch gab, erwirtschaftet habt.‹
Da trat der Älteste vor, der hatte das ihm Anvertraute verdreifacht. Danach der Mittlere, der hatte es verdoppelt. Der Jüngste aber stand und sprach zu seinem Vater:
›Herr, ich fürchtete mich vor dir, wie das Volk sich vor dir fürchtet, denn du bist ein hartherziger Mann. Du nimmst, was dir beliebt, und gibst nicht dafür. Dein mächtiger Arm fährt aus und unterwirft sich die Völker und streicht ein von allen, die vor ihm zittern. Siehe, darum wickelte ich was du mir gabst in ein Schweißtuch und vergrub's. Da, nimm zurück, was Dein ist.‹
Der König sprach zu ihm: ›Du fürchtest mich, wie das Volk mich fürchtet?‹ Und er ließ nach seinen Wachen rufen, daß sie den unnützen Sohn hinauswürfen in die Finsternis, wo Heulen und Zähneklappen ist. Etliche aber aus dem Volk, die in Furcht vor ihm lebten, befahl er, vor den Augen aller hinzumetzeln. Danach schlug er die zehn Pfund, die der Jüngste für ihn verwahrt hatte, dem Ältesten zu und sprach: ›Wer hat, dem wird gegeben, daß er im Überfluß habe; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was ihm blieb.‹”
Jener aber, nachdem er ihnen dieses Gleichnis erzählt hatte, ward still in sich und traurig und sprach zu seinem Herzen: „Sie verstehen dich nicht. Spricht ihnen einer von einem Herrn und König, meinen sie, es sei von ihrem Gott die Rede. Denn vor den Mächtigen beugen sie das Knie, und den Reichen verkaufen sie ihr Herz. Von jenem aber, der geschunden und hinausgeworfen wird, sagen sie: ›Recht so, wie ihm geschieht!‹ Habe ich ihnen nicht gesagt, ›der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist‹? Aber sie haben mich nicht verstanden, ich lese es in ihren Gesichtern. Und morgen, da ich hingehe und stelle im Tempel die Wucherer und Wechsler zur Rede, die ihr Geschäft treiben mit dem Elend, werden sie mich wieder nicht verstehen.”

2. Ein anderer kam, lieh sich einen fremden Namen, nannte sich Zarathustra und redete zu den Menschen und sprach zu ihnen im Gleichnis wie jener: „Es ist die giftige Tarantel, meine Freunde, die euch Gleichheit predigt. Die sich die ›Guten und Gerechten‹ nennen stachelt der ›Wille zur Gleichheit‹ an, damit reizen sie den gelben Neid in eurer Seele. Zum Pharisäer fehlt ihnen nichts als Macht. Doch seid auf der Hut! Ihre Ohnmacht macht sie erfinderisch: wer aufrecht geht, den stechen sie in die Ferse wie die Natter, die im Grase auf der Lauer liegt. ›Wir wollen, was oben ist, unten sehen‹, predigen sie, ›und was unten ist, wird triumphieren!‹ Also verkündet ihr Geist der Rache, und sie heißen ihn Gerechtigkeit. Ich aber sage euch: daß der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die Brücke zur höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern. Doch, meine Freunde, hört auch dieses Wort noch, das einst die Gerechtigkeit selbst mir verriet: ›die Menschen sind nicht gleich. Und sie sollen es auch nicht werden.‹ Darum sage ich euch: ›Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft‹, so läßt mich die Liebe reden. Der Hinkende wie der Läufer, der Stumme wie der Redner, die Scheue und die tüchtige Schöne, der Bedächtige wie der Gerissene, der ein Anpackender ist und darum aller Wiederkäuer des Geistes spottet sie alle seien mir willkommen, wie sie das Leben willkommen hieß, das es gern bunt hat; zu bunt nach eurem Geschmack, ihr Prediger der Gleichheit, ich kenne euch.”
Dann wurde auch jener, der zu ihnen vor der Höhle der Tarantel geredet hatte, still in sich und traurig und sprach zu seinem Herzen: „Da stehen sie und lachen, denn ich bin nicht der Mund für ihre Ohren. Einen Verächter der Gleichheit nennen sie mich! Als ob der Verächter der Gleichmacherei nicht Verschiedenes in gleicher Weise liebte, ein jedes auf seine Weise.”

3. Das Christentum, heißt es, habe den Gedanken der Gleichheit eingeführt: Ein jeglicher stehe vor Gott, und da gelte weder Stand noch Macht noch die Herkunft aus dem Volk noch Geschlecht oder Farbe der Haut. Das ist wahr. Doch gewöhnlich wird übersehen: da sind nur bestimmte Unterscheidungen zur Nichtigkeit herabgesetzt Stand, Macht, die Herkunft aus dem Volk, das Geschlecht und die Farbe der Haut, um einer andern Unterscheidung Gewicht zu verleihen. Denn jetzt heißt es: Dein Herz wird gewogen.

4. „Was ihr dem Geringsten und Kleinsten unter meinen Brüdern tut, das habt ihr mir getan”. Dies der zweite Gleichheits-Grundsatz, den er in die Welt eingeführt hat. Er lautet: Es gibt die Geringen und die Stattlichen, die Kleinen und die Großen, die Hilflosen und Mächtigen, Arme und Reiche alle aber, diese wie jene, sollt ihr gleichermaßen ehren und wertschätzen. Was ihr einem von ihnen antut, tut ihr Gott an.

5. Was christlich in Umlauf gebracht wurde, erhielt von Kant einen neuen Namen: Würde. Sie ist das säkulare Inkognito der „Ebenbildlichkeit” und auf dem Weg, Grundsatz der Menschenrechte zu werden. Die Würde eines jeden ist nicht sein Verdienst und wird nicht erworben, sondern zuerkannt als „unantastbar”. Darum gibt es im Blick auf die Würde wie jetzt die Gleichheit aller Menschen heißt kein Mehr und kein Weniger. Also wird die Würde der Menschen nicht taxiert, sondern respektiert. Der religiöse Gesichtspunkt, des Priestergewandes entledigt, lautet jetzt: Ein jeder ist zu respektieren, weil wir einem jeden Respekt schulden.

6. Gleichheit ist die Grundlage aller Gerechtigkeit. Wie einst ein jeder ohne Unterschied vor Gott stand, gilt im Rechtsstaat die „Gleichheit vor dem Gesetz”. Und das heißt wieder: Die gewöhnlichen Unterschiede Macht, Ansehen, Reichtum etc. sind „vor dem Gesetz” außer Kraft gesetzt, um einer Unterscheidung Gewicht zu verschaffen, dem Ur-Teil nach dem Gesetz: Dieser hat es befolgt, jener übertreten.

7. Das schwierigste Kapitel beginnt in der Neuzeit. Das Skript dazu schrieb Jean-Jacques Rousseau. Freiheit und Gleichheit sollen ausgesöhnt werden, beide sich wechselseitig bedingen. Wie das? Die Freiheit, die allen gleichermaßen zusteht, ist der Anspruch, unabhängig zu sein von der Willkür anderer. Du sollst die Freiheit deines Nächsten respektieren, wie du deine Freiheit liebst. Gleichheit, das Fundament der Gerechtigkeit, wird so auch Grundlage der Freiheit. Freiheit, die du dir nimmst, nicht aber ebenso einräumst, ist Willkür. Dem, was du forderst, sollst du selber unterworfen sein.

8. Gleichheit als Voraussetzung von Freiheit und Gerechtigkeit wird zuletzt akut im Weltmaßstab: Nicht Gleiche, sondern Ungleiche ungleich an Macht und Einfluß, wirtschaftlicher und militärischer Stärke sollen sich als Gleiche anerkennen. Für den mächtigen Staat gilt das Völkerrecht in gleicher Weise wie für den kleinen und schwachen. Der Große kann vom Kleinen nichts fordern, dem er nicht selbst sich unterworfen hätte.

Zusatz: Beide Instanzen, die einst für Gleichheit einstanden, die Kirche und der Staat, verloren an Geltung, ins Zentrum rückte „der Markt”. Hier gilt das Gesetz jenes Königs: Wer hat, dem wird gegeben und der steht im Licht, wer aber nicht hat, den wird die Finsternis verschlingen.

(verarbeitete Texte: Lk. 19, 11-27; Mt. 25, 14-30; Lk. 19,10; Nietzsche, Also sprach Zarathustra, II, „Von den Taranteln”)

Zuerst erschienen in "Ende der Solidarität? Die Zukunft des Sozialstaats", hg. v. K. Deufel u. M. Wolf, Freiburg 2003, mit Beiträgen u.a. von Gerhard Schröder, Friedrich Hengsbach, Renate Schmidt, Angela Merkel, Norbert Blüm, Robert Leicht, Karl Kardinal Lehmann, Heiner Geißler, Manfred Rommel, Friedrich Schorlemmer, Horst W. Opaschowski, Wolfgang Huber


 




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