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Ein Bild von Mensch [Philosophische Praxis Gerd B. Achenbach] || nach oben springen || Startseite Achenbach-PP.de

Gerd B. Achenbach:

Ein Bild von Mensch



„Philosophisch betrachtet”



Man hat mich gebeten, etwas zur „Bildungsmisere made in Germany” zu schreiben. Wie? Soll ich mir und den Lesern dieser Glosse mit unerfreulichen Texten die Laune verderben? Gibt es nicht schon genug zu klagen und zu bejammern? Obendrein: Der Philosoph liebt sich „das Positive”. Warum also nicht einmal – statt von der Misere – über die Vorzüge und Reize der Bildung schreiben? Und allem anderen voran darüber, was „Bildung” – ein zerschlissenes Wort – überhaupt meint.
Mein erster Vorschlag: Nennen wir Bildung, was den gebildeten Menschen ausmacht. Mithin keine noch so gelehrte Institution, kein noch so „schlaues” Netz und keine noch so dickleibige Enzyklopädie ist gebildet.
Mein zweiter Vorschlag: Nennen wir den gebildet, der uns ein überzeugendes Bild davon vermittelt, was den Menschen als Menschen ausmacht. Von dem wir sagen möchten: „Ein Bild von Mensch”. Anspruchsvoller: ein Vorbild.
Denken wir uns den Fall, aus fernen kosmischen Welten landeten eines Tages intelligente Wesen, die sich ein Bild von der Spezies Mensch machen wollten. Die erbäten sich von uns zu diesem Zweck einen, der uns bei ihnen vertreten soll. Wen würden wir entsenden? Doch wohl den, der uns vorzüglich, würdig repräsentierte und die gesamte Menschheit ins beste Licht rückte. Auf den wir stolz sein könnten.
Nun, gesetzt, es bräche Streit aus, wer abgeordnet werden sollte, wäre mein Vorschlag: Schicken wir einen vorbildlich gebildeten Menschen zu den Fremden.
Und jetzt die Frage: Wie sähe das Bild des Menschen aus, das sie sich machten, indem sie diesen einen kennen und schätzen lernten? Ich denke, etwa so:
In den Grenzen des Menschenmöglichen ist er bewandert in den Reichen des Wissens, im praktischen Umgang mit den Dingen hat er sich Geschicklichkeit erworben, Anforderungen, die der Alltag stellt, weiß er klug und unauffällig zu meistern, in heiklen Situationen bewährt er sich durch Besonnenheit und Umsicht, wie er überhaupt nichts überstürzt und nichts über’s Knie bricht. Erfahrungen geben ihm zu denken, so daß er Lehren daraus zu ziehen vermag, aus Mißerfolgen lernt er, und geht ihm etwas schief, sucht er den Fehler zuerst bei sich, denn nicht die Welt zu verbessern, sondern selber gut zu werden ist sein Ehrgeiz. Das heißt: Er weiß, daß der gelungene Mensch nicht vom Himmel fällt, sondern sich lebenslanger Arbeit an sich selber verdankt.
Die berechtigten Interessen der andern liegen ihm so sehr am Herzen wie der eigene Wunsch und Wille. Widrigkeiten des Schicksals nimmt er gelassen, denn er bildet sich nicht ein, ein Vorzugsanrecht auf Schonung zu besitzen. Er ist freundlich, ohne sich anzubiedern, fest und entschlossen, wo dies nötig ist, aufrecht, wo andere des kleinen Vorteils wegen einknicken, nachdenklich und skeptisch, wo die andern schon Bescheid wissen. Was die Spatzen von den Dächern pfeifen, prüft er, was als neueste Wahrheit ausgerufen wird, hält er auf Distanz, um es zu erwägen.
Darüber hinaus ist er seiner Tage froh und dankbar, lebt er gern und heiter, während er seinem Ende gefaßt entgegensieht.
Und fragten ihn die außerirdischen Gäste, ob wirklich alle Menschen so seien, besäße er den Humor zu sagen: im Großen und Ganzen schon. Zumal die Besten, die auf Erden lebten, stünden dafür gerade.
Nachgeschobene Frage: Welche Bildungseinrichtung fördert solche Menschen, die wir unseren Gästen präsentieren dürften? Und fehlte sie uns, bliebe als letzte Frage: Ist das womöglich die – nicht nur deutsche – „Bildungsmisere”?


(Erschienen in „Marketeers+Pioneers”  Heft 1/2008)
 




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